Hard Stuff in Babylon: DramaQueen versus Hysterica

Vielen Dank für Ihre Zeilen, geliebtes Wesen!

Ich bin überglücklich, für den Moment wieder ganz konkret mit Ihnen verbunden gewesen zu sein. Alle Illusion wich einer fassbaren Gegenwart, und ich nehme die Worte Ihrer Zuneigung mit in die wieder härter werdenden Stunden meines gegenwärtigen Alltages. Von allen Seiten strömen die Gläubigen auf mich ein und tragen das hospitalisierte Siegel ihres wie auch immer gearteten Scheiterns spazieren. Einiges verwirrt, vieles langweilt, ich begreife noch nicht in Gänze, sitze meist skeptisch und überraschend gelassen auf meinem Beobachterposten, und bin doch schwach, gewiss noch nicht zur nötigen Änderung meines Verhaltens bereit. Ich vertraue in Gott, in das leuchtende Licht in mir. Alles wird gut, Mademoiselle, nicht wahr? Ich will sie nicht darauf festnageln, aber Sie haben es versprochen.

Dieses Psychotherapiegeschäft wird mir wohl immer etwas suspekt bleiben; es ist irgendwo zwischen Onanie und Vergewaltigung angesiedelt, und alle schauen zu. Es konkretisiert, entidealisiert und fokussiert in heilsamer Weise, ohne Frage, aber es löscht auch den Zauber der leisen Zwischentöne, die nur andeuten und Hitzewallungen erzeugen, weil sie alles oder nichts bedeuten können. Dies habe ich bei Ihnen gelernt, A.. Und beteuerte ich Ihnen in diesem Zusammenhang nicht bereits, dass Sie nicht nur eine außergewöhnlich attraktive, sondern auch eine sehr tiefgründige Frau sind?

Ihre Antwort hat mir die Gewissheit verschafft, dass es Ihnen gut geht; das beruhigt. Auch wenn das Leben uns trennt, so haben Sie doch immerhin meine Briefe. Zwar sind diese, da gebe ich Ihrem resignierten Achselzucken recht, nur ein kleiner Ersatz für das, was verwehrt bleibt, aber vielleicht sind sie auch besser als das oft ins Banale verfallene Miteinander, poetischer, vielleicht. Von Anfang an waren es neben dem dramatisch schönen Prinzessinnenkörper meine geschriebenen Worte, die Sie am tiefsten berührten; und stets motivierten Sie mich zu mehr.

Hah! Was sich nicht alles aus Schmerz (auto)suggerieren lässt! Die Ersatzdroge ist doch für die Katz! Der umgarnende Zauber unmittelbarer Präsenz ist weder durch ein falsches Wort, noch durch abgestandene Küsse in zerknautschte und wortkarge Morgengesichter, Kindergeschrei oder das Waschen dreckiger Socken zu schmälern.

Liebste A., teilgeschätzte Damen! Wäre das Folgende nicht tatsächlich in allen Einzelheiten so passiert, wie ich es nun ungefiltert berichten werde, würde man mich – Die einzige Prinzessin mit Bart, wohlgemerkt! – fürderhin die Erfinderin des LIBIDO-TRASHES nennen.

Ich war wie so oft into the wild, völlig versunken, nur ich und die Elemente. Keine störende Stimme berührte mein Ohr. Hätte man mir zum Morgenkaffee gesagt, dass mir noch am selben Tage ein endzeitlicher Kampf bevorstehen würde, ich hätte die braune Suppe durch die Nase ausgeprustet, der Sprecherin auf die Schulter geklopft und „Erzähl’s Deiner Mutter, Cowgirl!“ am fast herabgebrannten Zigarettenstummel vorbei genuschelt. Ich erwartete nichts außer ein paar guten Stunden an einem guten Ort, allein an meiner geliebten Golzernmühle, wo mittlerweile jedes Blatt und jeder windschiefe Ureinwohner vom nahe gelegenen Dorfrand meinen Namen kennt. Ich stand also in einem normalerweise bis zu den Knöcheln reichenden, aber von mir bis zum Slip hochgekrempelten Faltenrock, damit die dadurch am Gurt sichtbaren Werkzeuge meinen Sexappeal verstärkten, unter meiner fast fertigen Neutour “Babylon” – nur ein Haken ist im Frühjahr noch zu setzen – und blickte nach oben. Seit Jahr und Tag starre ich Felsen minutenlang auf diese Weise an, um mögliche Linien zu detektieren. Und siehe, ich wurde tatsächlich fündig: Neben„Babylon“ entwickelte sich eine zweite Route vor meinem inneren Auge, weil der benachbarte Neuner („Zurück in die Zukunft“) auch gut als Einstieg für ein Projekt mit dem treffenden Namen “Zurück nach Babel” taugte, wie mir langsam dämmerte. Ungefähr ab dem vierten Bohrhaken sollte es problemlos möglich sein, von „Zurück in die Zukunft“ in „Babylon“ hinein zu queren, was eine hübsche Kombi mit erhöhter Schwierigkeit ergeben würde.

Langweile ich Sie, A.? Ach, ich vergaß, dass es keine Rolle spielt, dass meine Leidenschaft in irgendeiner Weise auch immer die Ihre ist. Des Weiteren bin ich stets bemüht, Sie durch eindrucksvolle Fachtermini, die mich als fortgeschrittenen Kenner und Szeneleader kennzeichnen, zu beeindrucken.

Den oberen linken Riss, der später als Doppelriss geklettert werden kann, hatte ich beim Erschließen meiner gewaltigen Linie, die ich schon jetzt vergöttere und von der ich jedem, der es hören will oder geweitete Pupillen schätzt wie Sie, meine liebe A., mit Begeisterung zu berichten bereit bin, geputzt, so dass mit zwei weiteren Haken und sonst wenig Aufwand ein Alternativausstieg für„Little White Man“, den 8a-Kracher aus dem Hause Bauch/Berg, sowie „Zurück in die Zukunft“ (franz. 7c) geschaffen werden kann, durch wen auch immer. Sie sehen, arme durch den komplizierten Satzbau überforderte Bergfreundinnen, meine Begeisterung für die Golzernmühle ist grenzenlos und macht nicht bei den kleinen seilfreien Wänden Halt. Fragen Sie doch mal bitte den Arndt, falls er Ihnen über den Weg laufen sollte. Er wird bei diesem Thema in schallendes Gelächter verfallen und ist doch mein treuester Fan.
Aber noch einmal zu „Babylon“, der neuen potentiellen 9+ (franz. 7C+): Nomen est omen, wie es sich für einen vernünftigen Routennamen gehört. Die im nächsten Frühjahr zu begehende Neutour ist nämlich anmaßend hoch und (für unsere Verhältnisse – Ondra würde es senkrecht nennen) beeindruckend überhängend, geschaffen in einer Zeit großer Sprachlosigkeit; die Ähnlichkeit zum Turmbau zu Babel, der babylonischen Hauptstadt, liegt auf der von der Arbeit mit Schraubenzieher, Bohrmaschine und Zimmermannshammer schwieligen Hand. Außerdem habe ich dieses Gebilde allen Widerständen zum Trotz in vielen Tagen aus dem Fels heraus geschnitzt, dort, wo eigentlich nicht geklettert werden konnte, weil die Verwitterungsschicht zu dick und der Aufwand zu groß waren. Ich maßte mir an, an einem solchen Ort Hand anzulegen und Gott die Stirn zu bieten. Wie bitter werde ich dafür büßen müssen! „Babylon“, die allegorische Hure der Antike, die römische Höhle der Prunksucht und des Lasters kam, auf mich bezogen, im Grunde zur Unzeit, wenn es denn so etwas gibt. Sie wurde geboren aus anhaltender Untätigkeit. Ihr Reichtum und ihre Pracht, die die Wogen meiner Seele ja doch nur temporär zu glätten vermögen, sind falsch und vergänglich; „von einem Tag auf den anderen, ja sogar in einer Stunde (Offenbarung des Johannes 18,17.19) wird Babylon in bitterste Armut, Nacktheit und Einsamkeit gestürzt werden.“ Mir deucht, und sie wissen dies, liebste A., und sehen mit einer Träne im Auge und einer zweiten auf der Seele, der ungeweinten um unsere ungeborene Tochter, wie ich mich ins Verderben stürze und können doch nichts tun. Die Rechtschaffenen, die sich nicht vom Pfade abbringen lassen und diesen verdammten Kompromiss, den das Leben stets erzwingt, akzeptieren, und das schreiben Sie sich bitte hinter die süßen Öhrchen, meine Damen, werden die Oberhand behalten. Ihnen wird Gott gnädig sein. Und die anderen, die alles wollen und sich im wild-lebendigen Kreise drehen, Rom mit ihrem flackernden Schein erhellen und dabei verbrennen, müssen noch zu Lebzeiten in ihrem weltlichen Sündenpfuhl büßen. Scheiß christliche Rhetorik! Nein, entschuldigen Sie, die Gäule sind mit mir durchgegangen. Ich suhle mich so gern im Dreck, und da hilft die geliehene Wortgewalt. Aber am Ende der Rechnung steht immer die Null, so viel steht fest. Und wer sich zu weit von der Mitte entfernt, hat irgendwann in entgegengesetzter Richtung die Zeche zu zahlen.

Hardmoves im Zentrum des Sektors Rissspuren (Hauptwand) v. l. n. r.

“Zeitmaschine” 9-
“Little White Man” 9+/10- (neuer Ausstieg über linken zentralen Riss möglich) 
“Zurück in die Zukunft” 9 (neuer Ausstieg über linken zentralen Riss möglich) 
“Zurück nach Babel“ 9/9+? (Projekt Gerono, Einstieg über „Zurück in die Zukunft“) 
„Babylon“ 9+? (Projekt Gerono)
„Projekt Krug“ 9-? (leicht überhängende Verschneidung rechts)

Allein eine solche Route zu erschließen und stundenlang in der Höhe vor sich hin zu arbeiten, ist nicht ungefährlich, wie Sie sich sicher vorstellen können. Niemand ist da um zu helfen, wenn man sich verletzt. Viele versteckte Gefahren lauern dort. Gefahren, die man in der trügerischen Routine der zuletzt wöchentlichen Höhenarbeit auszublenden beginnt. Und genau so erging es mir an jenem Tag. Ich hing im Seil und plötzlich glitt mir der für die Risse der Golzernmühle so wertvolle Fugenkratzer aus den Händen. Er drohte, die Wand hinab zu fallen. Fatal! Ich beugte mich ruckartig vor, um ihn noch zu erreichen, kippte zur Seite weg, und es kam, was kommen musste, was ich in meiner unnachahmlichen Dummheit provoziert hatte und sich jede Deppin vorab hätte zurecht reimen können. Kopfüber im Seil hängend … schaute mir HYSTERICA, die lüsterne Hexe, vom Wandfuß aus ins unschuldige Prinzessinnengesicht.

Hysterica Fulminalis

Ich Idiot! In meinem Arbeitswahn hatte ich ganz vergessen, dass meine ärgste Feindin beim montäglichen Bingo, Hysterica Fulminalis, heute Sonderausgang aus dem Heim für Unzumutbare bekommen hatte.
Vermutlich kam sie, um zu stehlen, was mir stets das Liebste gewesen war – die Show. Oder wollte sie gar mehr? Ich hatte immer noch die liebliche Stimme meiner Pflegemutter im Ohr: „Geh nie vom Wege ab!“, „Iss immer brav Deinen Teller auf, sonst scheint die Sonne morgen nicht!“, „Zieh verdammt nochmal meinen BH aus, du schwules Stück Scheiße! Ich habe nicht jahrelang auf dem Jugendamt gesessen, um dann mit ansehen zu müssen, wie meine Schwuchtel von Sohn sich Lippenstift in die bärtige Fratze schmiert“ und – sie hatte es mir tausendfach eingebläut – „Geh nie allein in den Wald der Golzernmühle zum Routen erschließen. Hysterica, dieses notgeile Miststück, wittert kleine schutzlose Prinzen sofort und macht schlimme Dinge mit Ihnen! Und wenn Du nochmal unter der Bettdecke onanierst, kommt sie auch hierher und hackt Dir die Finger ab“. „Aber ich bin doch eine Prinzessin“ hatte ich mit schlecht nach oben hin verstellter Stimme geantwortet und ihr kein Wort geglaubt. Hysterica existierte, das wusste ich, denn wir trafen uns ja seit frühester Kindheit beim Bingo, aber es hieß doch, sie sei seit dieser schlimmen Geschichte mit einem Stollentroll äußerst frigide. An diesem Tag wurde ich eines Besseren belehrt.

Ihr gigantischer brünftiger Femetal-Schrei (spätestens ab Minute 1:00 fortfolgend) schleuderte mich aus der Wand und fegte mir die Haare vom Kopf.

Hysterica – Lock up your son

Sie wollte mich in ihre fleischigen Wogen aufnehmen, und auch Sie, liebste A., haben mehrmals erwähnt, so unerträglich viel Liebe in sich zu haben, dass Sie mich am Liebsten verspeisen würden, um Ihr schmerzliches Verlangen zumindest im Ansatz stillen zu können. Oh, ich dachte, nur die bürgerlichen Weibsbilder sind so, meine Königin! Lassen Sie es uns doch lieber wie die Schistosomen handhaben, bei denen sich das Weibchen in die Bauchfalte des Mannes legt. Würde Ihnen dies genügen, Mademoiselle? Wir müssten dann nur noch oben und unten ausknobeln, also, Sie wissen schon, wer von uns beiden den männlichen Part zu übernehmen hat.

Pärchenegel (Schistosomen) aus der Gattung der Saugwürmer (© Getty/SciencePictureCo)

Hysterica brauchte man ein solches Angebot gar nicht erst zu unterbreiten. So viel stand fest. Sie wollte mich ganz und würde keine Ruhe geben, bis sie nicht mit ihrer ordinär breiten Michelin-Hüfte auch den allerletzten Tropfen aus meiner Prinzessinnenpalme gewrungen hätte. DramaQueen versus Hysterica, das Duell der Giganten. Frau gegen Frau. Ich nenne ein beachtliches Dingsda mein eigen, aber im Lichte dieser hysterischen Naturgewalt geriet ich in Sorge um es. In diesem Tornado von Frau würde es nur wie ein Streichholz anmuten, und gewaltige Unterdrücke drohten, mich in die glibschigen Fluten ihrer Lenden zu saugen. Und dann würde sie mich wollüstig zermalmen und meine Einzelteile in den schwitzigen Tiefen ihrer Bauchfalten den Pilzen zum Fraß vorwerfen. Bye bye, my love!

Im richtigen Augenblick kam mir die rettende Idee. Ich zückte meinen„Pussy Dry 2000“, den Entlibidosierer meiner Wahl. Und ich vertraute darauf, dass Hystericas zehn Jahre andauernde Grundschulzeit berechtigte Gründe gehabt hatte. Ich brach aus meiner Deckung hervor und schrie: „Everybody be cool; this is a robbery!“,dann „Any of you fucking pricks move, and I’ll execute every motherfuckin’ last one of you!” Und was soll ich sagen? Sie bewegte sich, also drückte ich ab.

“Pulp Fiction” opening scene and song

Sie reagierte erwartungsgemäß verwirrt. Das für einen kurzen Moment maschinell gestillte Verlangen ließ sie innehalten; binnen Sekunden welkte sie wie ein trockenes Dickblattgewächs (Gattung der Steinbrechartigen) dahin und plumpste auf ihr gewaltiges Hinterteil. Die Druckwelle schleuderte mich bis auf den nahe gelegenen Parkplatz. Noch während ich mich wieder aufrappelte, verdunkelte sich die Sonne und ein turmhoher Schatten überzog den gesamten Platz. Jetzt war Hysterica richtig wütend, au backe!

Ich war wie gelähmt vor Angst, meine Damen! Wie ein Reh im Scheinwerferlicht kappte ich in Anbetracht eines nahen, äußerst qualvollen Todes alle Verbindungen zwischen Großhirnrinde und Stamm und fing dissoziativ „Weil ich ein Mädchen bin“ zu lallen an.

Auf dieses einst geheim verabredete Stichwort tauchte aus den Untiefen meiner Gucci-Kletterhandtasche Ashley Schröter, meine alte Freundin von der Maniküreschule, auf. Ich hatte ihr damals das Klettern beigebracht, sie hatte mich im Gegenzug darin bestärkt, meine sehr üppige Bein-, Kinn- und Brustbehaarung nicht abzurasieren sondern mit Würde zur Schau zu tragen. Sie bezeichnete sich selbst als die ungeschlagene Brücke zwischen Beate Uhse und Alice Schwarzer, und ihr verdanke ich, was ich heute bin: die einzige Prinzessin mit Bart.

Ashley Schröter (Foto: Florian Manhardt / www.bayomi-foto.de)

Ashley war leider keine große Hilfe. Ihre gut gemeinte Empfehlung an Hysterica, ihren sexuellen Emanzipationsprozess doch bitte in reiferer Form voranzutreiben, beantwortete diese mit einem langgezogenen Furz, der Ashley auf der Stelle narkotisierte. Erst HaHaHa-Girl, meine flachbrüstige und äußerst humorlose Schwester, die unvermittelt, 
deftige Flüche ausstoßend, aus der Beifahrertür eines vorbeifahrenden Trucks gestoßen wurde, konnte das fette Weib mit ein paar Mottenkugeln aus ihrer Perücke und unter Androhung eines schlechten Blondinenwitzes für einen kurzen Moment, der mir zur Flucht genügte, stoppen.

HaHaHa-Girl

Ich machte kurz Pipi hinter einem Fliederbusch und stieg in das erstbeste Auto, das ich finden konnte. Im Rückspiegel ließ sich noch unscharf und kleiner werdend erkennen, wie HaHaHa-Girl in der linken Achselhöhle von Hysterica verschwand. Ich schluckte kurz, denn heutzutage ist es schade um jede einzelne Schwester, die man verliert, dann wurde ich mir der Gefahr für mein eigenes Leben bewusst. Hysterica rannte jetzt wieder mit wuchtigen Schritten hinter mir her. Aber sie wirkte erschöpfter und weniger entschlossen als zuvor. Vermutlich witterte sie die drohende Niederlage bereits. Ich zündete mir eine Zigarette an, lächelte siegessicher und gab Gas.

Und so endete die epische Schlacht zwischen DramaQueen und Hysterica um die Vorherrschaft beim Schlüpferbingo zu meinen Gunsten. Ich blieb und bleibe Herr über Inhalt und Verwendungszweck meiner Hoden.

Mit 260 geklauten PS unter dem Hintern raste ich über die Landstraße und schaute mir zum gefühlt hundertsten Mal „Pulp Fiction“ auf einem Tablet an, das ich im Handschuhfach gefunden hatte. Im Licht der untergehenden Sonne dachte ich darüber nach, ob Samuel L. Jackson auch aus Sicht von Mormonen richtig lag, wenn er Travolta darüber belehrte, dass einer Frau die Füße zu massieren und ihr die Zunge in ihr Allerheiligstes zu stecken, nicht fast das Gleiche sei, und freute mich ganz in Roadmovie-Stimmung über die geile Karre, die viel schneller und lässiger war als mein Boulderbus.

Hinter der nächsten Kurve wurde ich geblitzt. Fuck!

Herzlichen Dank an den Landkreis Mecklenburgische Seenplatte für dieses schöne Bild!

Glück und Leid, Lachen und Weinen liegen bekanntlich oft ganz nah beieinander. Eben noch war ich starr vor Todesangst und nur kurze Zeit später raste ich glücklich wie lange nicht mehr in die erstbeste Geschwindigkeitskontrolle. Es war mein ganz normaler Größenwahn, der mich, wie so oft, allzu schnell wieder ergriffen hatte.

In diesem Zusammenhang möchte ich Sie aus Freude an einer weiteren Gemeinsamkeit daran erinnern, Mademoiselle, dass wir beide ein trügerisches Gefühl, das auch die schönsten Stunden mit einem Schatten überziehen kann, teilen. Und zwar die Annahme, dass da noch mehr sein könnte, dass in uns noch zahlreiche Wunder schlummern, die unter anderen Umständen zur Blüte kommen könnten.

Dieses Thema beschäftigte mich übrigens schon frühzeitig sehr konkret:

GRÖßENWAHN

An der Ostsee hellem Strande 
sitze ich und sonne mich. 
Die Füße stecken tief im Sande, 
durch die Lider schimmert Licht.

Plötzlich, völlig unerwartet, 
trifft ne Schippe mein Genick, 
und ich springe auf, derartig, 
dass ich die böse Göre krieg.

Ein Kind, das gänzlich unerzogen, 
solche wilden Sachen macht, 
dem bin ich gänzlich schlecht gewogen, 
Strafe folgt – wär ja gelacht! 

Ich springe also hoch und sehe 
vor mir einen kleinen Bub, 
der in der rechten Hand nen Eimer 
und links einmal die Schippe trug.

Mit großen Augen schaut er mir 
ernst entschlossen ins Gesicht, 
sagt: Das hier, das sei sein Revier, 
er dulde andre Kinder nicht.

Ich schau mich an von Kopf bis Fuß 
und bin mir schnell gewiss: 
Ich bin ja selbst ein kleiner Bub, 
wobei der andre stärker ist.

Ich drehe mich, lauf schreiend los, 
seh auch schon unsre Decke, 
falle erschöpft in Mutters Schoß, 
wo ich mich jetzt verstecke.

In meiner süßen Träumerei, 
hat ichs wohl ganz vergessen, 
war in Gedanken nicht mehr drei, 
als ich am Strand gesessen.

Abseits von „Das Leben ist bunt“ und des Gunter Vulturius’schen Konzentrats aus Toleranz, Demut vor der eigenen Erbärmlichkeit und quietschvergnügter Koketterie „Passen Sie gut auf Ihren Schlüssel auf; er ist das Einzige, was uns von den Patienten unterscheidet“ ist „Ich bin eigentlich ganz anders, komme nur viel zu selten dazu“ einer meiner Lieblingssprüche. Aber „Angst fressen Seele auf“, und Sie, Liebste, haben lange vor mir begriffen, dass derlei Gedankenspiele nichts taugen. Ein Schritt folgt auf den nächsten, mit zu viel Abstrahieren verzettelt man sich. Allein die Liebe lässt sich weder wegdenken, noch kann man sie mit völliger Konzentration auf das Essentielle ausblenden. Liebe fragt nicht nach richtig oder falsch. Sie ist einfach da, und „ist, was es ist“ (ein gewisser Erich Fried). Sie verlangt nichts („If I love you, what business is it of yours“, ein gewisser Johann Goethe), klammert sich nicht an eine Zahl oder einen Augenblick, und kann in ihrer Absolutheit, nach Abstreifen des kulturellen Überbaus, überwältigend sein.

Aber ach, was wissen wir Menschen schon? Und am Ende kommt es immer/manchmal/selten/oft anders, als Mann und Frau denken.

Herman van Veen – Ich weiß nichts über sie

Nehmen wir doch einmal das Beispiel der Monogamie. Sie ist zwar unser verbindliches, für die deutsche Gesellschaftsstabilität wahrscheinlich unbedingt nötiges Grundkonzept, wird aber bisweilen den Bedürfnissen des Einzelnen nicht gerecht. Wenn man diesen Gedanken weiter denkt, ließe sich, liebe A., Folgendes diskutieren: Ist es nicht grundrichtig, wenn Menschen, die sich ehrlich begehren, jedoch ihre Affinität auf Grund zuvor geschlossener Bindungen, die über die Jahre vielleicht nicht einmal etwas an ihrer liebevollen Qualität eingebüßt haben, leugnen müssen, gemeinsam mit den alten und neuen Partnern in freien Wohn- und Liebesgemeinschaften ohne künstliche Grenzziehungen und abstraktes Besitzdenken zusammenleben? Denkbar wären, wenn die Vorstellungen diesbezüglich zu sehr auseinander gehen – was sie im Übrigen immer tun -, auch geteilte Partnerschaften, also eine Woche hier und eine da. Eifersüchte wären mit einem solchen System natürlich nicht kompatibel, doch wie viel Leid würde den Menschen erspart bleiben, wie viele Ehen würden auf Grund eines etwas legereren Umgangs mit den gängigen Regeln der Paarbeziehung und mit Fokussierung auf die reine Liebe gerettet, weil die Menschen ihre Bedürfnisse ganzheitlicher befriedigen könnten und insgesamt zufriedener wären? Den Kindern gestehen wir zu, dass sie niemandem gehören und verweisen auf Gott. In Bezug auf unsere Partner materialisieren wir das Göttliche.

Im Grunde ist heutzutage alles erlaubt, liebe Freigeisterinnen; auch wurde vieles, siehe die Hippie-Bewegung, schon mehr oder weniger erfolgreich versucht. Letzten Endes bleiben aber das Leben und seine Beziehungen – und da schließt sich der Kreis wieder – immer ein Kompromiss aus verschiedenen, aufeinander prallenden Bedürfnissen. Die Kunst liegt wohl darin, die eigenen in Gänze zu erkennen und im Wechselspiel mit der jeweiligen Lebensrealität etwas Gutes daraus zu machen, also ohne, dass einer heult.

Hysterica sucht jedenfalls weiter nach ihrem bestmöglich passenden Deckel. Dies zu Ihrer Warnung, meine bemannten Damen. Und dieser Deckel muss aus gehärtetem Stahl sein. ICH konnte ihr noch einmal entfliehen, geriet aber mit meiner gestohlenen Karre prompt in die Fänge der deutschen Polizei, denn dem Blitzer folgte ein Blaulicht sowie ein kräftiger Griff an den Hoden. Ich stöhnte lustvoll, korrigierte die junge Polizistin aber, dass sie nicht so sehr kneifen sondern eher gleitende Bewegungen machen sollte, woraufhin sie rot anlief, sich dann aber schnell fasste und mich fragte, ob sie mir denn nicht gleich einen blasen sollte. Ich bedankte mich freundlich für das nette Angebot und begann, umständlich meinen Rock herunter zu ziehen, als ihr schwarzer Schlagstock schon in meinem Nacken landete.

Ja, mit unserer gut ausgebildeten deutschen Polizei ist nicht zu spaßen, weshalb „Polizistensohn“ Jan Böhmermann in seinem Podcast „Fest und Flauschig“ zurecht folgenden Dokumentar-Kracher empfahl. Tun Sie sich den Gefallen, meine Hübschen, und schauen Sie den Beitrag in Ruhe von vorn bis hinten an. Es lohnt sich!

“Brichst du Gesetz, bricht dir Polizei die Beine /Ich wähl 110, dann lernst du, was ich meine”

Nach meiner Verurteilung – ich hatte der verlogenen Lady, kurz bevor ich bewusstlos wurde, noch eine Ladung Pfefferspray unter den Hosenbund verpasst– landete ich wegen meines, sagen wir, illustren Auftretens während der Verhandlung statt hinter normalen Gefängnismauern in der forensischen Psychiatrie. Es gelang mir binnen Kurzem über exzellenten Küchen- und Kippendienst das Vertrauen des Personals zu gewinnen. Überhaupt hatte ich einen hohen Stand, auch unter den versehrten Mitinsassinnen. Sie kennen mich ja und wissen, dass mein weiblicher Blauaugen-Charme in Kombination mit dem Adelstitel sehr einnehmend sein kann. Lief mir auf Grund zu hoher Medikamentendosen Sabber aus dem Mundwinkel fanden sich meist sofort mehrere hübsche, wenngleich völlig verbimmelte Damen, die mich betupften. „Stasi“-Jochen hatte so viel Vertrauen zu mir, dass er mehrfach am Tag in meiner Tür stand und mich fragte, ob wir denn nicht endlich los müssten, um den Zug zum Mond noch zu erreichen. Geduldig nahm ich ihn immer wieder an die Hand, führte ihn in die Toilette, drehte den Wasserhahn auf und teilte ihm mit, dass er hier im Regenwald sicher sei und gar nicht zum Mond müsse, da er stets befürchtete, von den Stasifritzen, und dazu gehörten alle Schwestern und Patientinnen außer mir, abgehört oder gar abgeholt zu werden.

Mit der Zeit gelang es mir, mich so weit zu verstellen, dass man es ohne Medikamente bei mir versuchen wollte. Ich klarte darunter ein bisschen auf, und es war wie das Erwachen aus einem langen Dämmerzustand. Aber mit der„Nüchternheit“ kamen die seelischen Schmerzen. Ich erinnerte mich nicht nur an Pflegemuttis fiese Sprüche, Hysterica und Hahaha-Girl, sondern auch an meine mir fernen Lieben, zu denen ich Sie in vorderster Front zähle, liebste A..

Es galt, aus dem Scherbenhaufen meiner Seele, dem verbliebenen Mosaik der einzigen Prinzessin mit Bart, etwas Neues, Haltbares aufzubauen. Mit meinem Credo dieser Tage (auch nur ein weiterer verzweifelter Versuch mich zu retten) bekritzelte ich mittels einer Rasierklinge die Wände meines Zimmers, dann meine Hände und schließlich meinen Penis im erigierten Zustand, was dazu führte, dass ich in Folge bei jedem Klogang über die Bedeutung des abzulesenden Wortes meditierte: „Lasse die ganzen Träumereien sein und versuche Dich zu verankern.“


Lisa Bassenge – Nach dem Glück

Schon nach 22 Jahren, 3 Monaten und 12 Tagen befand man mich als vollständig gesund geheilt. Ich sah die Sache zwar anders, aber nun gut; wer wird denn einem Weißkittel widersprechen, wo er doch so lustige Gnome auf der Schulter sitzen hat? Und schon am Tage meiner Entlassung war ich wieder mit den Homies vereint. Wir trafen uns auf der Osterinsel und veranstalteten aus Anlass meines Triumphes über das System der angeblich Normalen, Sie wissen ja, „wir behandeln die Falschen“, einen fidelen Budenzauber. Diverse Moais wurden niedergerungen, und als Matze auf dem benachbarten „Monkey Island“(6C+) den Oberaffen gab, freuten wir uns sehr und klatschten respektvoll die Hände aneinander.

Monkey Island 6C+, Beucha

Hysterica war damals nicht nur für den Moment vergessen, nein, nach der transpirativen Absorption von HaHaHa-Girl und ihrem kurzen Verfolgungssprint war sie wie vom Erdboden getilgt. Bis heute hat sie niemand wieder zu Gesicht bekommen, was ob ihrer monströsen Leibesfülle äußerst erstaunlich ist. Selbst den Montags-Damen, die nicht sagen können, was oder wer eigentlich genau fehlt, denn ihre Wahrnehmung und kommunikativen Fähigkeiten sind über die Jahre des „BINGO“-Brüllens verkümmert, ist schon aufgefallen, dass im ganzen Ort mehr Platz ist als sonst und dass die bei Hystericas Erscheinen sonst üblichen Sonnenfinsternisse nur noch äußerst selten vorkommen. Doch der libidinöse Foetor ex ore von Hysterica Fulminalis schwebt noch immer über uns allen, und ich fürchte, dass das Grauen weitergehen wird.

Liebste A., eben erst, spät in der Nacht, erreichte mich die Taube mit Ihren erneuten Zeilen, die ich nun nicht mehr zufriedenstellend beantworten kann. In aller Kürze: Ja, ich will! Und mit dem heutigen Brief hoffe ich, Sie ein wenig unterhalten und ein wenig betrübt zu haben. Beides würde mir gut gefallen. Und schreiben Sie mir doch weiter ganz unverfänglich. Auch darüber würde ich mich freuen. 

Ich küsse Sie tausendfach.

Ihre DramaQueen

2 Gedanken zu „Hard Stuff in Babylon: DramaQueen versus Hysterica“

  1. Hallo Benny,

    ich finde es schön, das deine Neigung zur Schrift hier auf der Seite einen öffentlichen Rahmen findet.
    Verab dessen war ich letzte Woche in golzern und dort ist es ebenfalls schön.
    Wann fährst Du wieder nach Sachsen? Und ich würde dich gern treffen. Somit würde etwas Raum entstehen, damit wir uns austauschen und gegenseitig erzählen können, was wir die letzten Jahre jeweils getrieben haben.

    LG

    Matthias

    (wohnhaft Taucha gebürtiger Großpösnaer)

    1. Lieber Matthias,

      schön, von Dir zu hören! Im Moment bin ich abkömmlich, was mit den wahren Anteilen der obigen Briefe in Verbindung zu bringen ist. Aber spätestens im März würde ich sehr gern hin und wieder an der schönen Golzernmühle weilen, (schon allein, um meine phänomenale Neutour zu begehen). Und dann sag ich Dir Bescheid, und wir treffen uns zu zweit, um Raum zum Reden zu haben, OK?

      LG

      Benny

      (wohnhaft im schönen Halle an der Saale)

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