Ready, Steady, Go!

Wie soll ich sie nur ansprechen, Liebste?

Wie das Namenlose benennen, wie diese bedingungslose, warme Liebe, die ich für sie empfinde, sprachlich fassen? An Stelle von Worten, derer schon so viele das Gefühl umkreisten, möchte ich meinen Handrücken sanft an Ihre Wange legen und Ihre Lider küssen; als Zeichen meines grenzenlosen Vertrauens bette ich meinen versehrten Kopf in Ihren Schoß und ruhe an diesem schönen Ort, bis der Morgen kommt und wir blinzelnd über das Wunder des Beisammenseins staunen und uns eng aneinander schmiegen.

Immer kürzer wurden unsere Tage, die ewige Dunkelheit drohte, eine Metapher für so vieles, Mademoiselle. Doch nun, endlich, bahnt sich das Licht, dem ewigen Kreislauf folgend, Woche für Woche den Weg in unsere Leben zurück. Auch die Weihnacht und das Heim für Prinzessinnen haben ein kleines, noch schwaches Licht in mir entzündet. Mit der Geburt Jesu erfährt alles eine Chance zur Erneuerung, und es fällt mir nicht schwer, dieses Bild auch für mich zu bemühen und den reinigenden Ritus anzunehmen. So dringt nun ein kleiner Strahl der Hoffnung durch die zuvor halb geschlossenen Lider. Er entfacht meinen Geist, und aus flackerndem Halblicht kann so vielleicht wieder eine aufrecht lodernde Flamme werden. Ach, wenn ich mir nur so vergeben könnte, wie Sie es tun, A., dann herrschte Frieden in meiner Seele und an allen meinen Orten.

Weihnachten 2018

HoHoHo, meine plastikverliebten Damen! Sie sollten ebenso einmal inne halten und sich fragen, warum Sie selbst in der Weihnachtszeit die staubige Boulderhallenluft zum Atmen benötigen? Ich schließe mich da nicht aus. Was ist es, was uns antreibt? Sind unsere Motive lauter?

Was so hochtrabend klingt, hat mich über all die Jahre meines Kletterns tatsächlich sehr beschäftigt, und es wundert nicht, dass die Weihnachtszeit, die plakativste Zeit der Besinnung, im besonderen Maße Sinnfragen aufkommen lässt. Denn niemand kann sich, und sonderte man sich noch sehr ab, der Gesellschaft und ihren Grundregeln entziehen. Meine Antworten auf die oben gestellten Fragen gehen deshalb in die folgende Richtung: Zum einen ist niemandem geholfen, wenn ich meine Bedürfnisse ignoriere, zum anderen darf alles sein, wenn ich stets kompromissbereit bleibe und die Demut sowie der Respekt vor der Leistung und den Bedürfnissen des anderen nicht verloren gehen. Die Freude an der Bewegung und der Sinn für Gemeinschaft sollten die Kräfte des Egos im Idealfall überwiegen. Mittels einer solchen Grundhaltung bauen sich mit der Zeit das eigene Erleben (und damit auch die Qualität des Kletterns) schmälernde negative Emotionen wie Neid oder Missgunst ab. Denn Hand aufs Herz, Mädels, wer hat seiner besten Freundin nicht schon einmal den Gipfelerfolg missgönnt? Zunächst muss ich mich selbst lieben und die Dinge unbewertet sein lassen können, bevor ich zu aufrichtiger Nächstenliebe fähig bin. So spiegelt sich das große Ganze auch im Kosmos des Kletterns.

Charlie Chaplin war ein begnadeter, perfektionistischer Tragikkomiker, ABER er soll beizeiten unaushaltbar zwischen Depression und Cholerik geschwankt und unter anderem die 15-jährige Lita Grey, die er kennengelernt hatte, als diese erst zwölf Jahre alt gewesen war, geschwängert haben. Anwälte nannten ihn in einem Jahre später ähnlich gelagerten Fall einen „geilen Köter“. Trotz größter Anstrengungen – jeder wird sich an seine wunderbaren Filme wie „Der große Diktator“ erinnern – schaffte er es scheinbar nicht, seine (unser aller) Triebnatur zu jeder Zeit über die Kunst zu sublimieren. Er saß auch im Käfig der Zivilisation, die so viel Gutes gebracht und gleichsam so viele Fesseln angelegt hat. Spätestens mit 70 Jahren erreichte er jedoch ein beachtliches Maß an Weisheit, in deren Wogen er seinen Narzissmus befriedete und folgende, wunderschöne Sätze formulierte.

Sie nervt, diese DramaQueen, nicht wahr? Niemand von Ihnen lässt sich gern belehren, doch vergessen Sie dabei nicht: Ich bin die einzige Prinzessin mit Bart; meine Klugheit kommt aus krishnaesken Tiefen, die das Sonderliche abgestreift haben, und ist per Kaste legitimiertes Gesetz. Ich fresse die Weisheit mit großen goldenen Suppenkellen. Insofern.

Und dank Pia weiß ich nun, dass das, was mein Leben lang banal stumpfsinnig auf andere wirkte …

… in Wirklichkeit – „einer bestechenden Logik folgend“ – gut versteckte, aus melancholischem Schmerz erwachsene Weisheit ist. Sie und ich, und die philosophische Elite von Elsterglanz, meine Damen, haben es ja immer gewusst!

Dank meiner ein ums andere Mal ergiebigen Netzrecherchen sind Sie nun nicht länger mit Blindheit geschlagen, meine liebe Knalltütinnen, bums fallera. Sparen Sie sich Ihre Danksagungen; ich will nur Ihr Bestes, Geldspenden zum Beispiel. Unten wartet ein entsprechendes Angebot. Sind sie jedoch arm an Münzen oder (besser!) Scheinen, dürfen Sie sich zwar reich im Geiste fühlen, aber nicht auf mein Mitleid hoffen. In meiner Großherzigkeit räume ich Ihnen jedoch ein, dass ein Kommentar oder Emailabonnement die Sache ersetzen würde. Sie sind verwirrt? Willkommen im Club. Bringen wir doch mit folgendem, ungefähr 2010 verfassten, zeitlosen Text wieder Ordnung in unsere überreizten Hirne.


Auf die Matten, fertig, los!

Juhu, endlich ist dieser goldene, nicht enden wollende Herbst vorbei! Da kann man sich wieder ganz auf sein Indoortraining konzentrieren und muss sich nicht ständig mit dem Widerspruch herum quälen, dass den lieben, langen Tag die Sonne scheint und man trotzdem abends in die Halle rennt. Jetzt sind die Fronten geklärt, und das Kletterleben folgt seinem gewohnten, farblich griffsortierten Winterrhythmus, was einen ja bekanntlich nicht schlechter, sondern mit der Zeit nur etwas dröge werden lässt. Fragen wie „Haste den grauen Boulder schon gemacht?“ rücken alle Jahre wieder ins Zentrum der gleichgesinnten Kommunikation, und noch anzugreifende, zeitlich sowie wettertechnisch jedoch schwer zu realisierende Felsprojekte dürfen zum Winterschlaf ins spinnwebige Hinterstübchen wandern. Und mal ehrlich, das gemeinsame Mattengehampel an mehr oder weniger austauschbaren Boulderproblemen ist doch erfrischend unverbindlich. Das wandelt den verbissenen Projektierer in uns zurück zum entspannten Menschenfreund!

Passend zur Saison und zum Thema starten auch wieder diverse Bouldercups. Diese Cups sind so beliebt, dass das System so langsam an seine Grenzen stößt. Zum Beispiel war da dieses erste Dezemberwochenende in Berlin: 350 Starter! Das war selbst für den Ostbloc, immerhin die nach eigener Aussage „größte Boulderhalle des Universums“, ein bisschen viel. Die Liebe zum Nächsten hielt sich unter den gegebenen Umständen in Grenzen, denn man musste sich ellenbogentechnisch behaupten, um irgendwie die Hände an die Wand und den Laufzettel voll zu bekommen. Grund genug, sich zwischendurch mal auf den Beobachterposten zurück zu lehnen und innerlich einen Text wie den folgenden zu konzipieren. „Schreib doch mal so ‘n Verhaltenskodex für Wettkämpfe“, wurde mir von einem Freund zugeraunt, entschieden habe ich mich für eine augenzwinkernde Typisierung, die sowohl dem Erfahrenen als auch dem Cup-Ungeübten die Möglichkeit gibt, sich selbst und die anderen im Kontext des Ganzen zu verstehen.


Die Profis ODER „Da musste einfach mal aufstehen.“

Eines vorweg: Wenn dieser Satz fällt, ist der gemeinte Zug in der Regel alles andere als einfach. Es sei denn, man verfügt über den intergalaktischen Strom der Szenestars, die zum Warmmachen durch dein Tagesproblem tänzeln und bei denen ein versauter Flash – was selten vorkommt – sowohl über die Laune als auch über die normalerweise vorprogrammierte Finalteilnahme entscheiden kann. Einfach nur hoch kommen die sowieso überall. Man erkennt die richtig guten Leute im Übrigen auch daran, dass sie nach der Hälfte der Zeit, weil fertig, ihre Daunenjacken wieder anziehen und nur noch hin und wieder ihre mitgereisten Freunde in einem Problem coachen. Mit den Normalsterblichen gibt es bis auf ein bisschen Smalltalk normalerweise keine Überschneidungen. Der Fokus und die Lebenswelt der Profis sind eben andere.


Die Ehrgeizlinge ODER „Haste die 12 schon gemacht? Ist ganz leicht.“

Die 12 ist natürlich mitnichten ganz leicht. Hinter dieser Aussage stecken die Freude über den gerade so gelungenen Flash sowie ein ganz verletzliches Boulder-Ego, das sich nach dieser Logik im Falle eines Misserfolges der anderen umso schadenfroher verhält. Offiziell wird das natürlich nicht zugegeben, aber die Erwartungshaltung ist groß und das Ergebnis von Kumpel X und Freundin Y ist die Messlatte, die über Freud und Leid entscheidet.

Und sollte sich an einem Wettkampfboulder mal jemand unentspannt vordrängeln, so gehört er mit Sicherheit zur Garde der Ehrgeizlinge, denn sie verfolgen im Gegensatz zu den über den Dingen stehenden Profis, nahezu zwanghaft einen inneren Plan, dem nur zu oft die schnöde Außenwelt, also die anderen Boulderer oder der Boulder an sich, ein Schnippchen schlägt.


Die Versehrten ODER „Eh Mann, ich hab wirklich kaum trainieren können.“

Ach, so eine hartnäckige Erkältung kann den ganzen schönen Trainingsplan zum Einsturz bringen. Sie hat aber auch Vorteile: Gut kommuniziert, mindert sie den Ergebnisdruck, denn man hat ja schließlich kaum etwas machen können. Da aber nur die wenigstens mutig genug sind, sich ein Schild mit der Aufschrift „Ich war krank und bin deshalb nicht in Bestform!“ um den Hals zu hängen, ist es fast besser, eine mittelschwere Verletzung zu haben. So ein Schulter-, Finger- oder Knieleiden, das einen nur mäßig behindert, aber über dicke Bandagen und Tapes sofort erkennbar ist. Erzielt man dann nämlich trotzdem ein gutes Ergebnis, verblüfft das die zum Erfolg verdammten „Gesunden“ umso mehr, und alles ist gut.


Die Style-Könige ODER „Am Oberkörper frier ich prinzipiell nicht.“

Die Boulderszene ist wie jede völlig durch individualisierte Subkultur uniformiert. Das ist per se nichts Schlechtes, denn es verstärkt das Zugehörigkeitsgefühl zu der von uns geliebten Gruppe und bringt das Hobby in den Alltag. „The Northface“ ist in dieser Gruppe von Gleichen, in der einige über ihr Outfit noch viel gleicher sein wollen, der größte gemeinsame Nenner, wohingegen der „Urban Outdoor“-Krams mit der Wolfstatze durch eine zu große Anbiederung an die breite Masse der Pseudoalpinisten jeglichen Kredit verspielt hat. Wer „Monkee“ trägt und „E9“ trotz weiterhin guter Qualität für inflationär hält, der potenziert seinen Coolnessfaktor um ein Vielfaches und beweist, das er/sie schon etwas tiefer in der Sache drin steckt. Wahre Style-Könige klettern meist nicht allzu gut und noch nicht allzu lang, sie tragen die obligatorische Daunenjacke über ihrem im Fitnessstudio gestähltem Körper und sind im Übrigen diejenigen, die den „Beanie auf freiem Grund“-Stil für besonders chic halten.


Die Bescheidenen ODER „Warum soll ich meinen Zettel abgeben? Ich mach das hier nur für mich.“

Böse gesprochen, sind das sind die Angsthasen unter den Ehrgeizlingen. Und eigentlich sind sie noch weit gefährlicher als diese, denn sie bouldern unter der Flagge des Gutmenschentums und können einem mit ihrer aufgesetzten Siddharta-Haltung ganz schön den Tag versauen. Aus allen ihren milde lächelnden Poren schreit einem ein „Geh nur, Du Schaf, und stell Dich wie die anderen an dem grünen Boulder an! Ich mach hier in Ruhe mein Ding!“ entgegen. In Gegenwart solcher Menschen muss sich der ambitionierte Wettkämpfer einfach schlecht fühlen, auch wenn ihn bisweilen (zu Recht) das Gefühl beschleicht, dass hinter all der Bescheidenheit nur die Angst vorm Gesichtsverlust steckt.


Die Nörgler ODER „Ist echt viel zu voll hier, und dann diese staubige Luft!“

Ohne Worte, denn die Nörgler kommen alle, wirklich ausnahmslos alle, wieder.


Die große Masse ODER „Klar, mach Du erst mal.“

Bisher sind Extreme beschrieben worden. Diese Extreme finden sich eher unter Leuten, die die Sache sehr sehr ernst nehmen und deshalb in der Regel auch schon ein gewisses Niveau erreicht haben. Natürlich ist auch beim Bouldern die Spitze in den letzten Jahren breiter geworden, aber die große graue Masse dümpelt noch immer mit Freude in den moderaten Graden herum. Das schützt sie beileibe nicht vor übermäßigem Ehrgeiz oder sonstigen soziopathischen Verhaltensweisen, aber in der Regel ist das alles weniger ausgeprägt als bei den Cracks, was sie unter ganzheitlichem Gesichtspunkt zur attraktivsten unter den beschriebenen Gruppen werden lässt. Diese sympathischen Freizeitsportler sind zumeist überaus rücksichtsvoll; sie wollen ein packendes Finale erleben und machen, man glaubt’s kaum, wirklich nur aus reiner Freude am Bouldern mit. Einzige Kritikpunkte: Miserable Fußtechnik UND Sie werden nie das kostspielige Glücksgefühl wahrhaftig gelebter Leidenschaft erfahren.


Die Grinsebacken ODER „Haste gesehen, ich hab mich voll gut mit Star XY unterhalten.“

Dieser zuzeiten etwas anstrengende Typus ist als Gimmick in dieser durchaus noch erweiterbaren Klassifizierung zu verstehen. So eine Boulderhalle spiegelt eben das, was im wahren Leben auch ist. Die sogenannten „Grinsebacken“ haben frühzeitig bemerkt, dass beim Klettern für sie kein Blumentopf zu gewinnen ist, und sich deshalb auf eine kommunikative Nische zurückgezogen. Tendenziell suchen sie den Kontakt zum Heiligenschein der Pros, in deren Glanz sie sich, ob es ihre Freunde hören wollen oder nicht, im Nachgang weiden.

Tino hatte in seiner Sturm und Drang-Zeit auf Bouldercups Strom ohne Ende.

Der Autor dieses Textes ist unbekannt. Jedoch lassen sich anhand des folgenden von einer skandinavischen Höhlenwand abgepauschten Porträtbildes und des darunter befindlichen eingemeißelten Lobgesanges gewisse Vermutungen über den Menschen hinter der zu Recht Allgemeingültigkeit beanspruchenden Typisierung anstellen.

„Der Verfasser hätte am liebsten Bong Hedlufsen geheißen, wenn dieses Pseudonym anno dazumal nicht schon vergeben gewesen wäre. Auf seinem Weg zur Erleuchtung nahm er hin und wieder an einem Bouldercup teil, wobei er unbescheiden ehrgeizig, doch zu seinem Glück auch immer mal verletzt war. Auf oben erwähntem Wettkampf trug er neben einer E9-Hose die wohl dickste Kniebandage der Welt zur Schau.“

(Keilinschrift unter der Abbildung des bärtigen Chronisten in der Visdomens hule hysterisk bei Flatanger. Tausende Kletterer pilgern jährlich zu diesem Ort und pinkeln ritualisiert in ihre Kletterschuhe, die sie dann bei Mondschein über die rechte Schulter auf einen mittlerweile fast bis zur Decke angewachsenen Haufen werfen. Eine heilige Schweinerei!)

Im Übrigen finden sich dieser und ähnlich qualitativ hochwertige Texte im Standardwerk deutscher Boulderliteratur, dem „Aufschwung Ost“. Die wunderbar übersichtlich und innovativ gezeichneten Topographien und Karten dieses Buches entstammen der digitalen Feder meines langjährigen Freundes und Kletterkompagnons Tino.

Kaufen, kaufen, kaufen! Und nicht an die Kosten denken. Ohne Sammelbildchen, dafür mit good ol’ Enni vorne drauf.

Sie leben in Mitteldeutschland und nennen dieses Werk noch nicht ihr eigen? Es kann doch nicht ernsthaft ihr Wunsch sein, dass meine zahlreichen Bälger Hunger leiden müssen? Kinder können nichts für ihre Eltern! Und soll ich etwa auf die „goldene“ Alhambrasche Boulderkutsche, in die ungelogen sechs (!) Crashpads hinein passen, verzichten, oder mein Geld gar mit schnöder körperlicher Arbeit verdienen? Absurd, nicht wahr? Also, liebe Konsumentinnen, investieren Sie in meine Prinzessinnengelüste, in den sympathischen Tino sowie in unseren großherzigen Verlegermogul Gerald und bestellen Sie (noch heute) direkt über den Geoquest-Verlag. In diesem Falle fiele nämlich auch der Wiederverkäuferrabatt weg, und es wanderten fast 3 Euro (von 28) von Ihrer in meine Tasche. Das hebt die Laune und füllt den Magen, was wiederum das Schreiben beflügelt.

“Aufschwung Ost” bei Geoquest –https://geoquest-shop.de/epages/f9a6ec99-0116-41cd-8fa4-79a7cc5c10b3.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/f9a6ec99-0116-41cd-8fa4-79a7cc5c10b3/Products/099-GQ-AO-2013

Meine Schöne! Sie haben den Kletterkrams nun fast gänzlich überstanden. Bisweilen langweilt er mich selbst, dann wieder könnte ich vor Begeisterung zerfließen.

A.. Es gibt so vieles, was ich Ihnen noch zu sagen habe. Fangen wir hiermit an: In allem folge ich Ihnen, im richtigen Maß aus Freiheit und Zuwendung, in der Sinnlichkeit, der unbedingten Toleranz und – dies leider nicht immer zu unserem Vorteil – auch in der Maßlosigkeit. Sie erinnern mich sehr an mich, und doch weiß ich bis heute nicht, was und wer wir sind.

Alles in allem beweine ich uns mit bitteren Tränen, beweine das Einzigartige unserer Beziehung, die ungelebte Verschmelzung zweier Geister und schöner Körper, die zu bedingungsloser Liebe fähig wären, dem paradiesischen Urzustand ganz nah.

Und doch schützen Sie Ihre Seele zu Recht, denn Ihre Antennen sind fein, und Sie erspüren trotz aller Bemühungen meinerseits, die Leere, die in meinen schönen Worten immer noch mitschwingt. Denn ein Stück von mir war und ist in Auflösung begriffen, kann das Weltliche nicht halten, ist schon zu Lebzeiten in den großen Geist, Krishna, Manitu, Gott, den ewigen Energiefluss, was auch immer, eingegangen. Stellen Sie sich das Bild mehrerer Ringe vor, die fest auf einander ruhen sollten, damit ihr Gesamtes stark ist, andere sich daran festhalten können und man sich im Hier und Jetzt gemeinsam verankert. Meine Ringe, Liebste, driften auseinander. An einem solch dünnen Einzelgeländer können Sie nur schwerlich rasten, wo Sie sich doch nach Jahrzehnten des wilden Tanzes und immer wieder (für andere) Aufstehens nun selbst nach Halt und Stetigkeit sehnen. Zu Recht sind Sie deshalb vorsichtig mit sich, denn auch ihre Ringe sind nach wie vor recht dünn, nur manchmal lassen Sie sie bewusst los und kosten vom gefährlichen Nektar. Doch nicht zu lang, bald schon fangen Sie sie wieder ein und legen sie sanft und unter stillen Tränen aufeinander, bauen die Rüstung, die es Ihnen erlaubt, Ihren Platz im Gefüge erneut einzunehmen. Ich wünschte, ich könnte es ebenso, aber ach, ein ums andere Mal lasse ich meine Ringe haltlos auseinander treiben, weil ich im Scheitern schon vor der Zeit los gelassen habe. Doch auch das Sinken hat sein Gutes, denn ich kann jetzt davon berichten: So, wie „mein“ Geist sich bisweilen verliert, muss sich Sterben anfühlen, aber Sie müssen keine Angst davor haben, meine zarte, mir seelenverwandte Freundin. Es ist das große Loslassen von allem, das Eintauchen in den göttlichen Strom, wo sich der weltliche Schmerz, der uns von je her durch die Gier nach dem edischen Apfel anhaftet, auflöst und die Fragmente des Geistes, die Ringe, schier endlos auseinander driften, sich entmaterialisieren, um an anderer Stelle, in anderer Form erneut einen Platz im Universum einzunehmen. Ich lasse mich dabei ins Bodenlose fallen, ins Unendliche, das keine Qualen kennt und in dem auch Sie, Liebste, im Dunst der immer weiteren Ferne verschwimmen.

Die unendlichen Weiten. Alles ist eins, ohne Anfang und Ende, doch immer wohl geordnet.

Fürchten Sie sich, liebe A.? Ich tue es jedes Mal aufs Neue und verfalle in Demut vor dem Unbegreiflichen. Aber unsere Ohnmacht, Kleinheit und Hoffnungslosigkeit sind nicht echt. Energie kann nicht verloren gehen; an anderer Stelle fügen sich die Ringe wieder zusammen. Können Sie Genugtuung daraus ziehen, in und jenseits von Raum und Zeit mit nie gekannter Tiefe und Bedingungslosigkeit geliebt worden zu sein? Freilich werden wir an anderer Stelle für den Verzicht büßen müssen. Aber irgendetwas ist ja immer. Und am Ende setzt sich „die Summe unseres Lebens“ aus den „Stunden, in denen wir lieben“ zusammen, wie schon Wilhelm Busch wusste.

Der Blick auf die unendlichen Weiten, die unser beschränkter Geist nicht zu fassen vermag und die die Existenz Gottes zumindest nicht ausschließen, relativiert viele von den kleinen Sorgen der Menschen, und dennoch spiegelt sich die Einzigartigkeit des Großen im Kleinen, so dass wir, wenn wir uns mit unserem jeweiligen Mikrokosmos befassen und die Schönheit in uns und den anderen ungefiltert annehmen, immer auch das göttliche Ganze leben, in dem es kein Groß oder Klein gibt, kein wahr oder falsch, nur Liebe. Von den Quarks (das sind die kleinsten bekannten Teilchen, und zwar die nicht messbaren Bestandteile der Neutronen) bis zum Multiversum ist alles wohlgeordnet, so lange man sich an die Grundspielregel hält. Meiner Erfahrung nach liegt diese darin, sich in diese positive Energie hinein zu geben und bereit zu sein, den energetisch stabilsten Platz einzunehmen. Da wären wir wieder bei der Physik, welche diejenige Naturwissenschaft darstellt, die der Philosophie am nächsten ist und spätestens im Bereich der Astrophysik mit ihr verschmilzt. Außerdem fangen beide mit P und H an, was allein mir zum Beweis der Hypothese genügt.

Selig sind die, die im Geist dieser oben beschriebenen Liebe leben können. So ist der Schuster, der Tag für Tag in seiner Arbeit aufgeht und dabei ein vergnügliches Liedchen pfeift, mehr dem Planeten ähnlich, der stetig um die Sonne kreist, bis deren Energie (an dieser Stelle) erlischt, als der Mönch, der die Gebetsmühlen dreht und doch mit seinem Schicksal hadert, anstatt es anzunehmen und auf die darin liegenden Chancen zu bauen, während Leid seinen Geist bestimmt, weil er gern die Kutte eines anderen Lebens tragen würde. Die Wunder dieser Welt sind mannigfaltig. Überall wartet das Glück. Wir Großstadtprinzessinnen sind oft beschränkt und wenig demütig, haben uns von unserer spirituellen Grundnatur entfernt und benötigen rationalisierende Mythen, um durch Benennung das unfassbar Weite in eine greifbare Schale zu pressen. Die Mythen der Moderne sind die Naturwissenschaften mit ihren Theorien und Diagnosen, die uns doch nur stecknadelkopfgroße Teilbeschreibungen Gottes liefern.

Ich kann mein Glück nicht allein von Ihnen abhängig machen, Mademoiselle. Sie wissen das ja und wachsen selbst mit jedem Tag an dieser Erkenntnis. Ich hinke da hinterher. Nur zwei selbstbestimmte befreite Menschen können eine erfüllte Beziehung führen, sonst sitzt da immer ein neurotischer Stachel. Ich habe das große Glück, die Sehnsucht auch in der Literatur, den spirituellen Weiten und im eigenen Schreiben leben zu können. Letzteres fokussiert und befriedigt zusätzlich; ähnlich verhält es sich mit dem Klettern. Es führt mich an die schönsten Orte und vieles von dem, was ich dort tue, wird nur durch ein intensives Verschmelzen mit dem Augenblick möglich.

Salut Alain Redux 7c

Aber, und für diese Erkenntnis benötigt man kein Cassandrasches zweites Gesicht: Wir sitzen alle im gleichen Boot. Wir alle wollen lieben und leben und fürchten uns vor dem Tod. Bis zum großen Erkennen, das viele, aber leider nicht alle Menschen im Laufe ihres Lebens mit oder ohne literarische Starthilfe schmerzhaft (und dann heilsam) ereilt, neigen wir zur Überhöhung unseres Selbst und versuchen die Umwelt nach unserem Bilde zu gestalten. Ein eitler Frevel, der in Sackgassen führt. Irgendwann, als die Welt noch schwarz-weiß war, habe ich zu diesem Thema mal ein paar Verse verfasst.


Viele Menschen, wenige Gedanken

Gedanken springen flott umher
im Kopfe, dem Ideenmeer.

Welten können neu entstehen,
Altes, das kann untergehen.

Im Gegensatz zu andern Tieren,
kann der Mensch mit Geist brillieren.

Wir halten uns für sehr gescheit,
glauben an Einzigartigkeit.

Voll Stolz ziehn wir die Stirne kraus
und picken Einzelnes heraus.

(Technik: Einen Gedanken greift man auf / dem zweiten lässt man seinen Lauf.)

Beginnen hoch von uns zu denken,
doch das sollte man sich schenken.

Der Mensch vermehrt sich ohne Ruh,
ja seine Zahl nimmt stündlich zu.

Jedoch begrenzt sind die Gedanken,
das weist den Hochmut in die Schranken.

Indessen wird uns oft bewusst,
dass andere es auch gewusst.

Wenn’s nicht so wär, dann könnten wir,
mehr schlecht als recht kommuniziern.

Der Mensch lässt kein Gedanken blühn,
denn der Gedanke findet ihn.

So ist der Weisheit letzter Schluss,
dass jeder ´s Gleiche denken muss.


Wahre Worte, wie ich finde, aber es gibt durchaus individuelle Ausnahmen. Manche im psychiatrischen Sinne pathologischen Realitätswahrnehmungen heben sich doch sehr von der Masse ab, auch wenn sich hinter den vordergründig einzigartigen inhaltlichen Details klassifizierbare Muster finden. Die Rede ist von ganz subjektivem Wahnerleben und Halluzinationen als Revolte des Verstandes gegen die Anmaßungen, die das Leben manchmal bereit hält. So lautet zumindest die psychodynamische Hypothese: Psychose als Flucht aus einer unaushaltbaren Realität. Es gab Zeiten, da war mein seelischer Schmerz aus diversen, Ihnen mittlerweile bekannten Gründen, liebe A., so groß, dass ich mir manchmal eine handfeste Psychose wünschte. Aber so verlockend und faszinierend psychotische Sichtweisen bisweilen auch erscheinen, Betroffene würden mir ob solcher die Gesundheit verachtender Sätze vor die Füße spucken und es ist, egal, wie das Leben einem spielt, immer besser, der „Master of Disaster“ zu bleiben.

Masters of Disaster 7A+

Man kann die Realität und ihre Probleme aber auch ganz leicht nehmen, alles liegt im Auge des Betrachters. Das ist ja das Kuriose! Was der einen tägliche Qual ist der anderen eine Aneinanderreihung von zauberhaften Momenten. Mich erfüllt ein fester Glaube an die positive Grundrichtung des Lebens (Gott ist dafür nur ein personifizierter Begriff); alles strebt zum Gleichgewicht (was man zulassen muss); die Unordnung der Dinge ist hausgemacht.

Nun ist der Punkt erreicht, meine teilgeschätzten Damen, an dem Sie Ihre Hand wieder herunter nehmen können, also falls Sie sie im Verlauf der Lektüre an die eigene Nase geführt haben sollten. (Wer sie an der der Nachbarin hatte, hat es vermutlich eh nicht bis hierhin geschafft und den gesamten Text schon vorzeitig als eitlen Belehrungsversuch abgetan.) Frei assoziativ und ganz versöhnlich möchte ich Ihnen noch einen Witz zum Thema anbieten.


Zwei Männer sitzen in der S-Bahn. Fragt der eine: Sagen Sie mal, onanieren Sie? Sagt der andere: Ja, klar, ist doch nicht schlimm, oder? Darauf der erste: Nee, gar nicht. Aber können Sie vielleicht Ihren nehmen? Ich muss gleich aussteigen.


Ach, meine liebe A.. Sie kannten den Witz schon, doch schmunzeln mir zuliebe auch ein zweites Mal. Ich danke Ihnen, und wie gern würde ich im Laufe unseres langen und zugleich kurzen Lebens noch etliche Male im gemeinsamen Alltagstrott ansetzen, um ihn erneut zu erzählen, bis mir irgendwann ein Licht aufginge und ich abbräche und Sie mir liebend ins Gesicht lächelten und entschuldigend „Ich hätt ihn mir schon noch einmal angehört“ sagten! Nun gut, bald werde ich endgültig im Heim für Prinzessinnen einquartiert werden. Die anderen Mädels machen mich ganz wuschig, denn: Nein!! Draußen ist mitnichten die böse Welt. Und drinnen ist mitnichten alles gut? NEIN. Ich gehe dahin, weil ich muss. Und überhaupt – von meinem unverwüstlichen Glauben berichtete ich ja schon -, die Probleme bekommen wir schon gelöst. Ich halte es da mit dem befreiten Humor von Herrn Janosch und küsse Sie von ganz oben bis ganz unten, denn Sie sind „von vorne schön… und auch von hinten“ und „Küssen ist wie Fliegen – nur schöner.“

Ihre DramaQueen

Ein Gedanke zu „Ready, Steady, Go!“

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