Bavarian Blues (Ach, rogg mi doch am Oa***, Amadeus!)

Heute wende ich mich an Sie, meine Damen mit den schnell wischenden Fingerchen.

Denn ich bin traurig. „Sehr.“ Obgleich ich liebe. „Sehr.“

Sie möchten wissen, was nun schon wieder ist? Haben Sie je die „Jungen Leiden“ des Heinrich, der eigentlich Harry heißt, des „ersten Mannes des neuen Jahrhunderts“, der aber schon 1797 geboren wurde, des Juden, der aus Opportunismus zum Christentum konvertierte und der seine Cousine lange Zeit wie irr liebte, von dieser aber nur spöttisch gemustert wurde, gelesen?

„Und was mir fehlt Du Kleines, fehlt manchem im deutschen Land / Nennt man die größten Schmerzen, so wird auch der meine genannt.“

Diese romanhafte Biographie ist das Beste, was ich je zu Heine gelesen habe. „Dichtung und Wahrheit“ machen das Profane im Leben des großen Poeten poetischer.

Zum Casus dramaticus reginae: A. droht mir abhanden zu kommen; halb fällt sie mir aus der schwachen Hand, halb wird sie mir von anderen entrissen. Ich erkenne und forme mein Rückgrat, damit es wieder aufrecht wird und ich gehen kann. An den Kanten wird es hübsch abgerundet, so passe ich wieder durch alle Türen. Und auch das einsichtige Buckeln wird geübt.

Doch ich will mich nicht zu sehr beklagen: Am Ende scheitert man an sich selbst und nicht an den Umständen. Veränderungen werden nicht aufgezwungen, sondern sind nur durch wahrhaftige akzeptierende Einsicht möglich. Der einzeln vollführte, ewig neurotische Kreistanz ist jedenfalls nicht zielführend. Ohnmacht ist beizeiten „einfach“ auszuhalten, und das Leben wird stets ein Kompromiss bleiben.

Boah, jetzt wird es langsam ein bisschen zu viel des Guten, darum lassen Sie mein leidendes Hirn noch ein letztes Mal, nur noch einmal (Wer’s glaubt!), versponnen leiden.


Für A.

Ein Sturm kommt auf
und spült Orchideen ans Land,
rote, weiße und blass blaue.
Sie bestäuben in satter Blüte den Sand
und bringen den Frühling ins Graue.

Es ist eine dabei,
etwas einzeln und doch
ist es die schönste am Orte.
Sie lauschet, sie hoffet und raunet dennoch:
mein Kuss sagt mehr als Deine Worte.

Ich komme von dort,
wo Sonn und Mond sind vermählt,
wo ohne Schuld ein einz’ger Blick
von den ew’gen Themen des Lebens erzählt,
vom Schmerz des Vergeh’ns und seinem Glück.

Ein Krebs zieht Tag für Tag
am Strand seine Kreise,
umgarnt die Blum erst nur im Scherz;
doch wächst sein Innerstes in einer Weise,
es platzt ihm der Kopf und sprengt das Herz.

Auf dem Meer seiner Sehnsucht
da gab es kaum Licht,
nur sanfte blutarme Wogen,
jedoch bei ihr, nur ihr, da fürchtet er nicht
die Geister, die an ihm gezogen.

So flutet’s und wärmt’s,
doch er zögert eingedenk:
Dass mich das Auge nur nicht trügt!
Da fasst eine Welle die Blüte schon längst.
Ach, Gott, wie hatte er sie so lieb!


Weckte man mich einst, und der Wind stünde besser als dieser Tage, sofort würde ich die Segel setzen, um sie zu suchen. Doch bis dahin wird dieser Teil meines Herzens in eiserne Ketten gelegt, und nur mittels passgenauer Liebe wird er gesprengt werden können. Ob A. in dieser unsagbaren Ferne dann Frau genug ist, die nötige Kraft aufzubringen, steht freilich auf einem anderen Blatt.

We are beautiful, and everything is possible.

We are shining, like the moon and the stars.

We live and we love, la lala, lalalla.

… ach, was für ein riesengroßer Bullen-Schiss!

Der größte Wahnsinn liegt darin, dass sie mich dazu bringen, den Fels in mir aufzustemmen. Denn sie wissen nicht (und wissen doch), was sie tun. Der Stinkefinger in die Runde scheint nur der Anfang; GEWALTige Fluten drohen mich elende Kreatur zu ersäufen. Ich ahne, was kollateral noch alles passieren wird, und es ängstigt mich, sehr. Der Kesseldruck steigt, unaufhörlich, und diese Narren heizen dem Narren immer weiter ein.

Die Masken ab!

Worte, immer wieder Worte; nichts als verschleiernde Fragmente. Toter Sprechgesang. Nur eine starre Dichterin ist eine gute, denn sie hält endlich die Finger still, quält die Leute nicht mehr mit ihrem eitlen Possenspiel. WorTE, WORte, WortE, anstrengendes Gekeuche, wie man es auch wendet. Mit jedem echten Gefühl ebben die Laute ab, werden zunehmend überflüssig. Und was nützen schon all die ungeweinten Tränen? Heute wird ein guter Tag, und ein gutes Leben, ganz gewiss. Ganz gewiss. Gewiss.

Julia Engelmann – Grapefruit

Der eitle Traum vom Dichtertum. Hah! Alles, was ich bisher schrieb und schrub, meine leidgeprüften Kritikerinnen, ist deftiger Mäusedreck! Vor allem die folgende romanhafte Erzählung ist dazu zu zählen. Ich nenne sie heute „authentischen Schund”, denn Rahmenstory und Grundkonflikt sind zwar ganz putzig, doch die sprachliche Ausgestaltung und Dramaturgie bewegen sich irgendwo zwischen gewolltem Groschenroman und Pennäler-Fantasien. Wie alle meine Texte lebt auch diese Geschichte von Sex, verbalen Schnörkeln und billig aufgebauter Spannung. Hin und wieder ein schön ausformulierter Gedanke oder eine kleine, geklaute Pointe, dazwischen viel verkopfte Küchenpsychologie und Klettern. Na dann, begreifen Sie den Kauf des E-Books als Spende an eine verlorene Seele. Und einen frommen Wunsch gibt es gratis oben drauf: Viel Vergnügen!

Paklenica: https://www.amazon.de/Paklenica-Benjamin-Gerono-ebook/dp/B00BW3O690

Das Abenteuer jener in Kroatien zu verortenden Nacht hat in ähnlicher Form tatsächlich stattgefunden. Gut, ohne die Beziehungskiste, aber mit viel Action in der Wand und beim 14 Stunden andauernden Abstieg. Mein Freund Andi war auch dabei, und wir teilen bis heute die Sehnsucht nach dem ganz großen Ritt durch den Fels. Weiter unten werde ich konkret von einem solchen berichten. Wenn ich an den Paklenica-Nationalpark, die dolomitische Brentagruppe oder an die Südwand der Schüsselkarspitze denke, dann erhebt sich meine Seele kurzzeitig im Glanz jener vergangenen alpinen „Groß“taten, und ich fühle mich ritterlich. Aber überwältigendes Erlebnis hin oder her, der Alpinismus bleibt ein borderlinig-egozentrisches Tun, egal wie verklärend er im Nachgang präsentiert wird. Es ist und bleibt gefährlich, in menschenfeindlichen Höhen herum zu kraxeln, und eine logische Rechtfertigung gegenüber den Familien und der Gesellschaft gibt es nicht. Wie anderer Leistungssport auch erfüllt der Spitzenalpinismus lediglich eine Funktion: Athleten wie Lama oder Steck bedienen wie Schumacher oder Maradonna in karthasischer Weise die Sehnsucht der Massen nach Leitfiguren; ähnlich wie Rockstars versterben sie durch ihr grenzsuizidales Verhalten bisweilen jung und verdienen sich damit (in der Gesamtwahrnehmung) ihren Platz im Olymp. Wir brauchen den Glauben an das Übermenschliche. Stellvertretend katapultieren diese Helden der Moderne auch unser Leben auf ein höheres Level, was die sonst gefühlte Bedeutungslosigkeit von allem (in Zeiten des faschistischen Speerspitzen-Kapitalismus) besser aushaltbar macht. Insgesamt ist ein Messner aber immer noch besser als ein Trump, der sich – im Gegensatz zum bergsteigerischen Alleingang – in Gefilden, die für uns alle gefährlich sind, in den Vordergrund spielt.

Meine selbst gezogene Grenze liegt im alpinen Sportklettern, welches ich zuletzt in einer Team-Onsight-Begehung des „Bayrischen Traums“, der als einer der ersten Achter im gesamten Alpenraum gilt, ein Neo-Klassiker sozusagen, mit eben jenem Freund Andi im Tiroler Wettersteingebirge auskosten durfte. Erleben Sie in Folge bisher unveröffentlichtes Material, sowohl die Bilder als auch den Text betreffend.


Bavarian Blues

Der Tag, an dem Andi und ich vor vielen Jahren eine Ausgabe der Zeitschrift „Klettern“ mit den zehn schönsten Mehrseillängentouren im Alpenraum in den Händen hielten, war unser Start in die Abhängigkeit. Von den begeisternden Bildern des „Bayrischen Traums“ wurden wir unwiederbringlich angefixt. Damals schwierigkeitstechnisch noch in weiter Ferne, nahm die Idee, diese Linie gemeinsam zu klettern, mit jedem Jahr größere Gestalt an: Von Halle aus nur 7 Stunden Fahrtzeit, halbwegs gut abgesichert, anhaltend im siebenten Grad und zwei zusätzlich fordernde Highlights: eine 40 Meter lange, selbst abzusichernde Piazschuppe im Grad 6+ und eine früher nur technisch begangene Linksquerung „somewhere around UIAA 8“, wie Hansjörg Auer diese Seillänge einst auf seiner Webseite beschrieb. Eine Team-Onsight-Begehung, also sturzfreie Vorstiege in Wechselführung, war das erklärte Ziel. Für ein solches Vorhaben ist Andi im Übrigen der perfekte Kompagnon: Der kann nämlich nur on sight, egal wie schwer.

Der bayrische Berg-Blues (Bezogen auf eine Tiroler Route, das verstehe, wer will!) hatte sich in unseren mitteldeutsch geebneten Kletterseelen tief festgesetzt, und wir harrten stoisch dem Tage, an dem sich ein gemeinsames Zeitfenster für dieses Unterfangen auftun würde. Das bis dahin zu absolvierende Training bestand in der Auffrischung unserer raren Mehrseillängen-Erfahrungen, der einmaligen Besteigung des mit 100 Metern unfassbar hohen Thüringer Falkensteins – by fair means wohlgemerkt, also mit dem Fahrrad zum Wandfuß und bei 7 Grad Außentemperatur – dem circa 100maligen Sortieren der nötigen Friends sowie dem alljährlichen „Wir spielen jetzt alpin, sichern nach und seilen ab“ im Löbejüner „Hangelmarathon“.

Waren wir den 280 Meter bis maximal 8+, wenn man die voneinander abweichenden Angaben in verschiedenen Führern in die Betrachtung der in unserem Topo mit 8- bezeichneten achten Seillänge mit einbezieht, gewappnet? Easy. Andi war schon mal mit Starki in der Peters-Haringer und kannte das Gelände, außerdem purzelten beim Sportklettern im heimischen Klettergarten und andernorts die 9er. Also, was sollte uns zwei Hübsche aufhalten?

Ähm, zunächst einmal wissen wir jetzt, dass 25 Grad im Tal und 15 Grad in der Hochebene nicht zwangsläufig gute Kletterbedingungen in der Wand bedeuten, wenn es am Pfingstwochenende zuvor massiv geschneit hat und einem in Folge die Schmelzbrocken vom Gipfel nur so entgegen schießen. Noch blöder wird es, wenn man in einer solch eh schon brenzligen Situation auch noch am Wandfuß in hüfthohem Schnee versinkt und keine Möglichkeit zum Ausweichen hat. Wie auch immer, wir beiden Flachlandtiroler feierten nach einer äußerst anstrengenden Befreiungsaktion auf der gegenüberliegenden Almwiese unser Überleben, und zwar nackt, denn die sommerlichen Klamotten – zumindest bei mir – waren völlig durchnässt. Also Plan B, alles wie immer und ab nach Franken! Und nächstes Jahr ist schließlich auch noch ein Jahr. Und ein gut gecheckter Wetterbericht umfasst auch die Vorwochen, alright. Und überhaupt, was sollte uns schon aufhalten?

Jo mei, zwoa stramme Burschn san ‘s! (Foto: Andreas Müller)

Nun gut, die 1000 Höhenmeter vom Puitbachtal bis zum Wandfuß zum Beispiel. Die waren im Jahr darauf immer noch genauso lang. Der Weg ist zwar spätestens ab dem „Gatterl“, hinter dem das wunderbare Schüsselkar-Panorama beginnt, recht abwechslungsreich, aber auch höllisch anstrengend. Vor allem, wenn man sonst nur ein paar Treppen steigt oder gar Fahrstuhl fährt. Man stelle sich vor, circa 20 Mal hintereinander den Petersberg, DIE alpinistische Herausforderung für jeden halleschen Vierjährigen und immerhin die höchste Erhebung bis zum Ural (auf diesem Breitengrad), zu erklimmen. Schrecklich, nicht wahr? Also, das nächste alpine Ziel wird nach der Kürze des Zustieges gewählt; so viel steht mal fest.

Auf auf, ihr müdn Leiba, de Bog städ voia nackta Weiba!

Andi kam beim Laufen etwas besser zurecht; er musste mit seinen festen Bergstiefeln inklusive Gamaschen nicht wie ich über alle Pfützen hüpfen, sondern konnte gleichmäßig einen Fuß vor den anderen setzen. Sein Bart war lang, er hatte sinnvollerweise Sonnencrème im bebrillten Gesicht und trug so leichte, schnell trocknende Outdoorsachen, was sich bei dem ganzen Geschwitze bezahlt machte und sich auch ein Jahr zuvor nach Durchkämpfen des Schneefeldes am Wandfuß bewährt hatte. Es ist ja nicht so, dass ich nicht schon häufig Gelegenheit gehabt hatte, mir das eine oder andere brauchbare Utensil bei ihm abzugucken, aber wie immer war ich an meiner Bequemlichkeit und dem Konsumakt als solchem gescheitert, so dass ich erneut blauäugig mit einer E9-Boulderhose, im Alltags-T-Shirt und ohne Sonnenbrille angereist war. Lediglich auf meine Zustiegsschuhe war ich stolz wie Hotte; nur leider nützten diese beim Durchwaten tiefer Schmelzwasserpfützen herzlich wenig. Andi stand nach einer Woche Wandern mit den Jungs gut im Saft, wirkte aber um die Augen herum schon etwas angeschlagen. Auch hatte er zuletzt nur wenig Zeit zum Klettern gefunden. Egal; Helden wie wir, lassen sich doch von so kleinen Außerplanmäßigkeiten nicht aufhalten. Und da ragte sie auch schon hinterm „Gatterl“ empor: unsere sonnenbeschienene Schüsselkarspitzensüdwand, Klappe die Zweite!

Die Schüsselkarspitze (2551 Meter)

Richtige Bergsteiger sind natürlich wortkarg und bescheiden, die gespannten Sinne immer auf den nächsten Schritt, die Schwachstellen im sperrigen Fels, die dräuenden Wolken am Horizont und die wegen der Gewichtsersparnis knappen Vorräte gerichtet. Schon beim Aufstieg schwirren die Gefahren eines möglichen Dämmerungs- oder gar Nachtabstieges im Kopf herum, kurzum, es geht immer um Leben und Tod, und Ruhm natürlich. Man will der Jetzt- und Nachwelt ja auch etwas zu berichten haben. Das Männerbrüste zum Schwellen bringende Gefühl des einsamen Bergluchses vor toller Alpenkulisse gibt es als Zugabe. Da Andi und ich zumindest im Ansatz diese Attitüde in uns tragen – Andi mehr so der einsame Berg, ich eher der schwellende Luchs – hatten wir die elementare Frage nach der Verteilung der Seillängen im Vorfeld nicht ausgeknobelt. Das edle Kameradentum sollte zumindest formal nicht durch eine solch pragmatische Frage gestört werden, wo es doch um Höheres, das Gesamte, das Bergsteigen als letzten archaischen Fluchtort vor einer kaputt zivilisierten Welt ging! Dennoch: Wer den reizvollen Piazriss der fünften Länge vorstieg, der würde wegen der aus seillogistischen Gründen idealerweise beizubehaltenden Wechselführung auch die schwere Achter-Länge vorsteigen dürfen. Ein Dilemma, das wir auf später verschoben. Gemäß meiner vorpreschenden Art scheuchte ich dann aber doch den sanftmütigen Andi als Ersten in die Wand, wohlwissend, dass SEIN Hochgefühl beim Legen von mobilen Sicherungsgeräten, die ja wegen der zusätzlichen Anstrengung und der Gefährlichkeit das Abenteuer noch potenzieren, MEINES noch um Einiges übertreffen würde. Er startete souverän, doch wurde uns schnell klar, dass alpine Bewertungen straffer sind und eine als sehr gut beschriebene Absicherung durchaus auch mal nur 2 Bohrhaken auf 30 Metern Kletterlänge bedeuten kann. Aber Andi hat ja nicht nur Finger, sondern auch Nerven aus Stahl und tänzelte durch die seichte 7-Minus-Verschneidung (gefühlt 7+) auf delikaten Reibungstritten nach oben. Feine Sache das!

1. Seillänge (7-)

An die zweite Seillänge kann ich mich kaum noch erinnern. Sie war ziemlich leicht und kurz, und Bohrhaken gab es auch keine. Eine reine Pflichtübung, um den darüber befindlichen Überhang zu umgehen. Hinter der Ecke folgte eine schöne 6er-Platte, und unser Blick fiel erstmals auf die grandiose Piazschuppe, die uns maßgeblich das ganze Gedöns, riesen Friends und so, hatte mitschleppen lassen.

Am Ende der 3. SL (6) mit Blick auf den berühmten, selbst abzusichernden Piaz-Riss der fünften Länge.

Die folgende kurze Linksquerung (UIAA 7) – irgendwie bewegte ich mich in meinen Vorstiegen bisher nur zur Seite – war diffizil und senkrecht, dafür mit überraschend vielen, wenn auch kleinen Griffen gesät. Ein Bohrhaken reihte sich an den anderen, vermutlich weil ein Sturz, egal ob im Vor- oder Nachstieg, den Betreffenden zu weit nach unten in schwierigeres Gelände befördert hätte. Nach kurzen 5 Minuten war der Spaß dann auch schon wieder vorbei. Beim Nachholen hatte ich Zeit, die berühmte, leicht nach rechts abdriftende Schuppe zu betrachten. Klettertechnisch sah sie genussvoll aus, denn die zu greifende Risskante war durchgängig rechtwinklig und es ließen sich schon vom Stand aus Tritte in der angrenzenden Platte ausmachen. Das Nichtvorhandensein von Haken relativierte sich ebenfalls: Es gab zwei Fixschlingen und sicher auch genügend solide Placements für unsere fetten Klemmgeräte. Einzig die steile Ecke nach zwei Dritteln Höhe, um die man sich ohne Zeit für kompliziertes Sicherungsgefummel herum wuchten müssen würde, schien nach dem ganzen Vorlauf die Ausdauer und den Mut auf die Probe zu stellen. Ich war hoch motiviert und fast ein bisschen traurig, dass ich diese Länge nun doch “nur“ nachsteigen würde. Aber siehe da, Andi fühlte sich nach den Strapazen der letzten Woche zu erschöpft und wollte kein unnötiges Risiko eingehen, weshalb er mir unter mehrfachen Beteuerungen, dass es schon Okay sei, sowohl jetzt als auch später in der Achter-Länge den Vortritt ließ. Ich hoffte, dass er es nicht irgendwann bereuen würde und bastelte mich mit vier bis fünf Friends freudvoll nach oben. Es ging so gut wie erwartet, und mein kurzzeitig unprofessionelles Geschubber oberhalb der Ecke konnte Andi vom Stand aus zum Glück nicht mehr erkennen. Schon beim Klettern zog ich ein positives Fazit bezüglich meiner moralischen Verfassung: So lange ich den Schwierigkeiten halbwegs gewachsen war, hätte man unter meinem Helm ein Bier kühlen können. Durch das viele Bouldern und meine über die Jahre angesammelte Erfahrung mit hahnebüchenen Porphyrbruch-Linien lag (und liegt bis heute) das Problem eher darin, das Klippen nicht zu vergessen. Und auch ohne dogmatische Anwendung der Dreipunktregel – ich komme schließlich aus der Generation, die schon von Anfang an wusste, was Hooks und Deadpoints sind – bin ich normalerweise recht safe unterwegs. Intuitiv prüfe ich seit Jahr und Tag Griffe und Tritte auf ihre Haltbarkeit und habe das Sturzgelände meist gut im Blick.

5. SL (6+). Nur zwei alte Fixschlingen auf insgesamt 35 Metern und trotzdem ein Hochgenuss. (Foto: Andreas Müller.)

Bis hierhin waren wir onsight unterwegs gewesen, und ich hatte mir Kraft meiner Passion für starke Ideen fest vorgenommen, dass dies fürderhin so bliebe. Wir deponierten das ganze Klimperzeug am Stand, pinkelten nicht ohne einen vergleichenden Blick zum Nachbarn – klares Unentschieden – die Wand hinab und sangen die hallesche Kommunalhymne in Mansfelder Mundart, und zwar alle 28 Strophen. Natürlich ist das ersponnen und erlogen. (Meiner ist nämlich ein bisschen länger.) Die nächsten 45 Meter liefen erneut unter 7-, was mit viel Wohlwollen hinkam und Andi vor keine ernsthaften Probleme stellte. Am nächsten Stand angekommen, entfitzten wir zum zweiten Mal unsere 70 Meter (!) langen Doppelseile. Was für eine Scheiße! Ich hatte das Gefühl, dass das ganze Seilgezerre meine Unterarme mehr strapazierte als das Klettern selbst; das geht nämlich vor allem auf die bei bei uns Vertikalisten weniger gut ausgeprägten Unterarmstrecker. Ebenfalls zum zweiten Mal an diesem Tage flog auch der Hubschrauber der Bergwacht an uns vorbei und zählte Köpfe. Das ließ uns einen Blick auf die Uhr wagen und, ups, es ging schon auf vier zu, was bedeutete, dass wir uns mit den beiden letzten Längen vorm Abseilen sputen mussten. Jedoch nicht, ohne vorher ein Foto von den beiden erschöpften, aber nach wie vor hoch motivierten alpinen Sportkletterern zu schießen.

Me, myself and Andi.

Vor uns lag Seillänge Numero Sieben, wie erwähnt „somewhere around UIAA 8“. Bis hierhin war alles glatt gelaufen, nun würde sich herausstellen, ob das Unternehmen Team-Onsight gelang oder nicht. Nur ein Versuch, der über alles entschied. Unterwirft man sich diesem edelsten aller Begehungsstile, ist der „second place the first looser“. Ein Fehltritt, zu langes Zögern oder die falsche Hand an einem Griff, an dem nicht gewechselt werden kann, bedeutet in höheren Graden häufig das Aus. Neben einer guten Blickigkeit, solider Ausdauer und gutem Pacing benötigt man vor allem diesen speziellen mentalen Zustand, aus dem heraus im richtigen Moment die richtige Entscheidung getroffen wird; diese Mischung aus absoluter Achtsamkeit, flirrend kraftvollem Vorwärtstrieb und echtem Glauben an den Erfolg. Aufkommenden Zweifeln darf bewusst kein Raum gegeben werden. Der Sache förderlich ist auch ein starker Wille, der einen an die persönliche Schmerzgrenze gehen lässt. Lange Rede, kurzer Sinn: Es gelang mir den zur Route passenden Flow zu erreichen. Ein bisschen Glück gehörte natürlich auch dazu. Ich schätze die Schwierigkeit auf glatt Acht, wobei die Kunst darin lag, auf den ersten Metern die scharfkantigen Fingerlöcher, die am Ende größer waren, als sie auf den ersten Blick aussahen, in der richtigen Reihenfolge anzugehen. Nach einer kurzen Linksquerung verlief die Ideallinie ab dem dritten Haken wieder nach schräg oben; ab hier galt es, trotz schlechter Tritte und unübersichtlicher Kleingriffsituation die Ruhe zu bewahren und im rechten Moment sowie beherzt die Flucht nach vorn anzutreten. Die weiteren 15 bis 20 Meter bestanden aus großgriffigen Sloperbändern im siebenten Grad, an denen nach der ganzen Schinderei des Tages schlichtweg Dranbleiben und Durchpumpen angesagt war. Der arme Andi musste sich als Nachsteiger mit unserem Rucksack durch das Beschriebene quälen, wurde jedoch in der nächsten Länge mit sensationellen, für das von uns gewollte Alpinerlebnis ausreichend schlecht gesicherten 40 Metern im Grad 7-, was zu meiner großen Freude eher einer 7+ entsprach, belohnt. Ich kam völlig fertig am Stand an und wir feierten unseren Gipfelerfolg mit einem dreifachen „Nur die Milch macht’s!“. Dann vollführten wir unser kompliziertes Abklatschritual, inklusive fünfminütigen Fingerhäkelns mit grimmigen Blick. (Das, liebe Leute, war nur der Test, ob ihr noch dabei oder schon geistig entschlafen seid. Also weiter im Text.) Am Ende dieser achten Länge war für uns der point of return erreicht. Die letzte 6-Minus würde in die „Peters-Haringer“ hinein führen, und von dort wäre kein Abseilen mehr möglich.

Und schee war ‘s auf unsam seibsd eaklärdn Gipfe, richtig schee!

(Ei-Fon-Fotomontage: Andreas Müller)

Nun aber fix! Die Sonne stand schon gefährlich tief und drohte, bald hinter dem westlich gelegenen Sattel zu verschwinden. Das würde Dunkelheit und gleichzeitig Kälte bedeuten. Beides konnten wir in diesem Stadium der höchsten Unkonzentriertheit nicht gebrauchen. Die Finger krampften, die Seile nervten, und wir hofften, uns bis zum nächsten Stand merken zu können, dass sich der Verbindungsknoten auf der rechten Seite befand und wir also das gelbe Seil abziehen müssten. Auf ein unter anderen Umständen 60 Meter langes Zurück-Jümaren, weil der Knoten von uns in den Standhaken gezogen worden war, hatten wir beileibe keinen Bock. Immerhin zahlte es sich jetzt endlich aus, dass wir mit 70 Meter-Seilen am Start waren, konnten wir doch den einen oder anderen Stand überspringen oder anderthälbig an einem von den durch Lokalmatador Heinz Zak zahlreich eingerichteten Zwischenständen Halt machen.

Aufgestoßn und ins Hoan gebrochn! (Foto: Andreas Müller)

Einer dieser Stände war besonders wild und hielt der kritischen Prüfung meines teutonischen Ingenieurskameraden gerade so stand. Das musste er auch, denn, verfranst wie wir uns hatten, ging es von dieser Zakschen Zwischenhöhle aus nicht mehr nach oben zurück. Haken oder eine selbstabzusichernde Linie waren nicht zu entdecken; außerdem drängte die Zeit. Also ergänzten wir das vorhandene, wegen der allgemeinen Nässe halb vergammelte, hakenlose Wirrwarr um eine weitere Schlinge und einen Keil. Adé, ihr treuen Gesellen!

Dem Ingeniör ist nichts zu schwör. (Selfie: Andreas Müller)

Ich weiß nicht mehr, wann es war, aber es rührte mich, als zum ersten Mal an diesem Abend die Hüttenwirtin, bei der wir jenseits des Sattels reserviert hatten, anrief und sich sowohl nach unserem Befinden als auch nach unserem Hunger erkundigte. Nett, diese Ösis, ungemein nett, wirklich!

Wir versprachen, uns zu beeilen, taten dies nach unserem Empfinden auch und freuten uns nach wie vor über so viel Fürsorge, jedoch bekamen wir spätestens ab dem dritten Telefonat, in dem ihr staunender Unglaube so langsam in stirnrunzelnde Verachtung überzugehen schien – so weit sich das am Telefon beurteilen ließ -, Zweifel an der zuvor angenommenen Zweckfreiheit ihrer Besorgnis um zwei verspätete deutsche Kletterer, was wohl an unserer für eine von Geburt an bergtrainierte Almösi unverständlich langsamen Rückzugsgeschwindigkeit zu liegen schien. (Hammersatz, was? Nicht ganz Thomas Mann, aber nah dran.)

Für mich sind diese Abseilaktionen am Ende eines langen Klettertages immer das Nervenaufreibendste. Lieber stehe ich 5 Meter über dem letzten Keil, als frei drehend, ohne Wandkontakt an zwei dünnen Bindfäden, denn so muten diese neuen Halbseile ja mittlerweile an, hoch oben über dem Abgrund zu schweben und wegen der Seildehnung im Wechsel einen Meter nach oben und einen nach unten zu wippen. Auch dieses Mal war das wieder der reinste Horror! Regelmäßig verzichteten wir auf irgendwelches Einhängen, weil die Seilenden ganz offensichtlich auf einem Absatz zum Liegen kamen, so dass oben beschriebenes Szenario in seiner ganzen erbarmungslosen Fülle meine durch den krassen Aufstieg und die recht schwierige Kletterei eh schon strapazierten Nerven blank legte. Wie üblich verlor ich jeglichen Glauben an die Korrektheit des zuvor mehrfach kontrollierten Knotens, die Haltbarkeit der Standhaken und die Integrität meines Seilpartners, der das Seil ja jederzeit hätte durchschneiden können. Oh Mann, ein ums andere Mal war ich heilfroh, am Stand anzukommen, um Hände, Sitzschlinge und Füße in irgendwelche Felsspalten verkrampfen zu können. Auch davon hat Andi als „Nachseiler“ übrigens nichts mitbekommen, also seid so lieb und verratet es ihm nicht.

It’s getting dark in here. Und Abseilen ist schön; schön doof.

Wie umsichtig und absolut sinnvoll es doch von mir gewesen war, die 70 Meter-Halbseil-Variante zu erwerben! Als meine Füße endlich den Boden am Wandfuß berührten, war ich bereit, alle zuvor geäußerten Flüche über das endlose Seilaufnehmen, das Mehr an Gewicht und die heillose Krangelei zurückzunehmen. Schließlich hatten diese wunderbaren Seile uns unter Auslassung des letzten Zwischenstandes schneller als gedacht dorthin zurück geführt, wo sich die bis eben durchlittenen Ängste binnen Kurzem in überlegenen Stolz auf das Geleistete wandeln würden. Wir hatten überlebt. Glückwunsch! Und mit dem letzten Licht des Tages verschlossen wir unsere Rucksäcke, setzten die Stirnlampen auf und traten den Marsch zur Wangalm an. Die Vorfreude auf die versprochenen und hoffentlich wirklich aufgehobenen Knödel mit Gulasch wurde jedoch jäh gebremst, als mir klar wurde, dass es vorbei am Scharnitzjoch noch einmal 300 Meter straff bergauf ging. Heilige Scheiße! Und dann die vielen Gedenktafeln beim Abstieg zur Hütte. Ich wurde einmal mehr in dem Gefühl bestärkt, etwas verdammt Großes und Gefährliches überlebt zu haben. Da Drenka-Luis war a Heimschoasser gegn mi gwen! Zu allem Überfluss hatte ich seit nunmehr vier Stunden kein Wasser mehr. Ich sehnte, wie ich selten etwas in meinem Leben ersehnt hatte, die Wangalm herbei.

Das erste Bier trank ich im Stehen, vor der Tür und auf ex, das zweite binnen der nächsten fünf Minuten und, um bezüglich meines Elektrolythaushaltes auf Nummer sicher zu gehen, gesellte sich noch ein Radler zum leider etwas spärlich ausgefallenen Essen dazu.

Des Buidl hod, glaube i – hicks – da Andi gschossn.

Es nutzte alles nichts. Mehrfach in dieser Nacht erwachte ich mit Krämpfen in Armen und Beinen. Mein armer Sportkletterkörper rebellierte ob solch ganzheitlicher Ausdauerbelastungen. Memo an mich selbst: Wenn der Berg ruft, in den Wochen vorher unbedingt ein paar Mal laufen gehen und/oder den Fahrstuhl weglassen. Am nächsten Morgen antwortete ich Andi auf die obligatorische Frage nach einer weiteren Tour dennoch mit einem selbstsicheren „Klar geht noch was!”, als wäre nichts gewesen. Was hätte ich auch sonst sagen sollen? Ich bin doch kein Weichei, sondern ein richtiger Bergsteiger.

Eine blöde Idee, wie sich später zeigen sollte. Aber das ist eine andere Geschichte.


Was bleibt, sind Erinnerungswölkchen am Himmel, die immer mehr verklären, je weiter sie davon treiben, und das beständige Verlangen nach intensiven Erfahrungen, die mich maßlose Prinzessin das Leben in seiner ganzen Pracht – und ich will ALLES, nicht nur die Hälfte – spüren lassen. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel; der nächste Berg strahlt mir schon am Horizont entgegen.

Aber „muss ich denn sterben, um zu leben?“ „Ich bin zerrissen.“ Und, wann kommst Du, A., „um meine Wunden zu küssen?“

Falco – Out of the dark

Diese Sehnsucht nach dem Absoluten, dem völligen Verschmelzen mit dem Sein, ist verlockend, führt aber zu nichts. Gern zitiere ich dazu Herrn Janosch mit seiner philosophischen Geschichte von der schwer verliebten Maus und dem etwas weniger verliebten Frosch. Überhaupt bin ich der Ansicht, dass man außer dem gesammelten „Kinder“buchwerk von Horst Eckert nichts anderes gelesen haben muss, um das Leben und die Liebe zu verstehen.

Janosch aka Horst Eckert – Der Frosch und die Maus
Der Zeichner Janosch – Horst Eckert und sein Lebensmut

Liebe Doppel-X-Chromosomlerinnen, nun aber mal „Butter bei die Fische“ oder gar „Titten auf den Tisch“, wie es ein nicht namentlich genannt werden wollender Wahlschweizer mit Boulderambitionen in einem anderen Zusammenhang einst wunderbar alliterierend formulierte. Warum zum Teufel sind eigentlich immer die Männer das schwächste Glied in der Kette? Haben Sie sich einmal in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis umgesehen? Wer hält den Laden beisammen? Wer ist psychisch stabiler und verlässlicher? Wer kümmert sich um die Aufrechterhaltung sozialer Kontakte? Wer trifft in Summe die überlegteren Entscheidungen und agiert kompromissbereiter? Wir Frauen sind es. Männer neigen zu sinnfreiem Quatsch, treiben übermäßig viel Sport, saufen und so weiter. Diesbezüglich habe ich, wer hätte das gedacht, ein darwinistisch angehauchtes Erklärungsmodell für Sie. Gern dürfen Sie mir dafür kommentierend die Fresse polieren. Aber Sie wissen ja: Ich bin die einzige Prinzessin mit Bart … und so weiter. Also, wofür war der gemeine Mann seit Anbeginn der Menschheit zu gebrauchen? Richtig. Zum Zeugen von Kindern und Kraft seiner Wassersuppe zum Schutz der Gruppe. Der Löwe zum Beispiel macht bis heute nichts anderes, als faul in der Sonne zu liegen, sich gelegentlich auf eines seiner Weibchen zu wälzen oder nach kurzem explosionsartigem Sprint einen Konkurrenten tot zu beißen. Jagen gehen die Frauen. Das menschliche Männchen – Sie kennen seine putzigen Verhaltensweisen nur zu gut, meine Damen – fühlt sich im Grunde zu nichts anderem berufen und füllt die viele leere Zeit zwischen dem Sex mit allerlei sinnlosem Gebaren. Monogam gebunden lohnen sich häufig keinerlei Balzrituale mehr, weshalb auch die Körperhygiene auf ein Minimum zurück gefahren wird; und gekämpft wird auch nur noch in zivilisatorisch gebändigter Form. Mal ehrlich, da müssen diese haarigen Biester doch zwangsläufig einen Koller kriegen. Die oft zu beobachtende größere Haltlosigkeit im Vergleich zu den Weibchen ließe sich nach dieser Logik im Übrigen damit erklären, dass Mann, um die Frau zur Begattung zu „zwingen“ oder um einem Mitbewerber um Thron, Bett oder Höhle, und sei es der eigene Welpe, den Kopf einzuschlagen, ein gerüttelt Maß an innerer Bedingungslosigkeit benötigt. Zu viele Vorbehalte würden der unverzüglichen Umsetzung von Kopulations- und Mordgelüsten nur schaden. Wer zögert, verliert.

Na, wie auch immer; das waren nur so Gedanken, und ohnehin nur meine, ohne Abgleich mit den Ihrigen. Zwar darf ich nicht alles glauben, was ich denke (Heinz Erhardt), aber ich liebe es dennoch, die Dinge evolutionär zu vereinfachen. Und ich liebe die Narrenfreiheit, die ich in diesem Blog genieße. Sie dürfen ja jederzeit aussteigen. Mehr würde ich mich jedoch über konstruktive Diskussionsbeiträge freuen. Und Herbert hat das einst eh viel lyrischer als ich auf den Punkt gebracht.

Herbert Grönemeyer – Männer

Ich bin übrigens die allermännlichste unter den Prinzessinnen. Ach, Sie wissen das schon? Sind wohl besonders schlau, die Dämchen? „Ich habe ein Haar auf der Brust, ich bin ein Bär“, oder was? Die DramaQueen hat abgedankt, weil sie sich in Dauerschleife wiederholt; ach, wissen Sie, lecken Sie sich doch an der eigenen Eichel, wie einer meiner Schulfreunde es konnte und allen, die es sehen wollten, stolz zeigte. Und ICH werde Ihnen jetzt mal etwas vor die Füße rotzen, womit Sie Ihren Glauben an meine Allherrlichkeit beim Pimmelfechten ohne Zweifel wiedergewinnen werden. Also, Obacht: „Massaker“, boulderig hart 9, an der Soranger Wand im nördlichen Frankenjura. Die Messlatte liegt bei nicht mehr als 11 Zügen.

Massaker (9) an der Soranger Wand in der Fränkischen Schweiz. (Video: Martin Reuter)

Wenn das Dunkle immer weniger aushaltbar wird, rettet man sich ins Komische. Wie schon so oft erwähnt, liegen Lachen und Weinen ganz dicht beieinander; nicht ohne Grund hat der Zirkusclown stets eine angemalte Träne im Auge. Einer sensiblen Wahrnehmung des bitteren Lebensbeigeschmackes lässt sich oft nur mit Humor begegnen. Das kann an meinem heutigen Text als auch in Werk und Leben allerlei Komiker, die eigentlich hochfunktionelle Depressive waren, abgelesen werden: Charlie Chaplin, Karl Valentin, Erich Kästner, Heinz Erhardt oder zum Beispiel Robin Williams, der unnachahmliche „Captain, mein Captain“, der mit seiner sanft lächelnden Art die Herzen der Menschen wie kein anderer bewegen konnte und sich 2014 mit einem Gürtel erstickte. Er war sein Leben lang schwer depressiv und bereits in den 70er Jahren alkohol- und kokainabhängig gewesen. Über Jahrzehnte kämpfte er dagegen an; ein Kampf, dem er mit 63 Jahren, vielleicht auch wegen einer beginnenden Lewy-Body-Demenz, nicht mehr gewappnet war.

Robin Williams – Club der toten Dichter / Schlussszene

Auch Herman van Veen ist so ein depressiver Clown. Seine Melancholie ist kaum aushaltbar schön. Das folgende Video macht mir immer wieder Gänsehaut, und manch eine mag sich fragen, warum er die zuvor aufgebaute Stimmung so grotesk auflöst. Ich denke, dass es gar keine andere Möglichkeit gibt, wenn man nach solch intensiv durchlebter Gefühlstiefe normal weiterleben können möchte.

Hermann van Veen – Edith Piaf

Meine treuen Leserinnen, wissen Sie vielleicht, wo mir A. geblieben ist? Denkt sie an mich in der Schlacht? Oder verblasst mein Eindruck bereits zu einem Schatten, der von Woche zu Woche immer weniger greifbar wird? Sie müssen sich nicht entschuldigen, denn Sie können es nicht wissen, ich weiß. So gehe ich in mein Schlafgemach, das ich hier mit zwei Fremden teile und versuche am Morgen erneut, die düsteren Gedanken aus meiner Seele heraus zu weinen. Vielleicht will es irgendwann gelingen, doch noch ist nach wie vor nur Rudimentäres in mir.


Row, row, row your boat
gently down the stream.
Merrily, merrily, merrily, merrily,
life is but a dream.


Let It Be
(John Lennon)

When I find myself in times
of trouble
Mother Mary comes to me
Speaking words of wisdom
Let it be

And in my hour of
darkness
She is standing right in front of me
Speaking words of wisdom
Let it be

Let it be, let it be
A-let it be, let it be
Whisper words of wisdom
Let it be

And when the broken-hearted
people
Living in the world agree
There will be an answer
Let it be

For though they may be
parted
There is still a chance that they will see
There will be an answer
Let it be

Let it be, let it be
Let it be, let it be
Yeah, there will be an answer
Let it be

Let it be, let it be
A-let it be, let it be
Whisper words of wisdom
Let it be

Let it be, let it be
A-let it be, yeah, let it be
Whisper words of wisdom
Let it be

And when the night is
cloudy
There is still a light that shines on me
Shine until tomorrow
Let it be

I wake up to the sound of
music
Mother Mary comes to me
Speaking words of wisdom
Let it be

Yeah, let it be, let it be
Let it be, yeah, let it be
Oh, there will be an answer
Let it be

Let it be, let it be
Let it be, yeah, let it be
Oh, there will be an answer
Let it be

Let it be, let it be
Let it be, yeah, let it be
Whisper words of wisdom
Let it be


Schlafen Sie gut. Und träumen Sie mit mir, wenn Sie mögen.

Ihre DramaQueen

4 Gedanken zu „Bavarian Blues (Ach, rogg mi doch am Oa***, Amadeus!)“

  1. Werte Freundin,

    Sie schrieben “Veränderungen werden nicht aufgezwungen, sondern sind nur durch wahrhaftige akzeptierende Einsicht möglich. Der einzeln vollführte, ewig neurotische Kreistanz ist jedenfalls nicht zielführend.”

    Niklas Luhmann hatte sich zum Ziel gesetzt, eine allgemeine Theorie sozialer Systeme zu entwerfen. Dabei geht er davon aus, dass Systeme ihre Umwelt nach eigenen Unterscheidungen beobachten und dann auf diese Konstruktionen reagieren. Dann geht es nicht mehr um Strukturerhaltung als Letztwert, sondern Strukturen werden einer Funktion untergeordnet. Kritiker haben ihm vorgeworfen, sein Konstruktivismus ende in Beliebigkeit oder gar in Solipsismus, weil das System selbst die Unterscheidungen setzt mit denen es die Umwelt beobachtet. Das ist jedoch ein Trugschluss: Systeme müssen ihre Umwelt laufend beobachten, wenn sie darin überleben wollen, denn diese ist dynamisch. Was sie jedoch als relevante Umwelt ansehen und wie sie darauf reagieren, bestimmen sie selbst – mit der Chance, dass ihre Kommunikation Anschluss findet, was natürlich auch scheitern kann (blinde Flecken der Beobachtung entstehen zwangsläufig). Diese Position bestätigt das Einangszitat: Nur das System selbst legt fest, was ‘einzusehen’ ist.

    Vielleicht ist an dieser Stelle ein kleiner Einschub nötig: Soziale Systeme bestehen ausschließlich aus Kommunikation. Sie sind zwar auf den Input von psychischen Systemen angewiesen, letztere sind für die Kommunikation jedoch intransparent. D.h. psychisch-emotionales Erleben kann in seiner Diffusität und Komplexität nicht ohne Selektion in Kommunikation übersetzt werden.
    Kunst versucht, originelle d.h. auch immer wieder neue öffentliche Ausdrucksformen für Erfahrungen zu finden, z.B. Blogs. (Ich selbst habe aus der notwendigen Selektivität des Übersetzungsprozesses zwischen Erfahrung und Kommunikation die Konsequenz gezogen, dass ich mich meist mit der Erfahrung selbst begnüge bzw. sie weniger originell und öffentlich formuliere.)

    Weiterhin fand ich eine Metapher Ihres Blogs einleuchtend: Das eigene Rückgrat erkennen und formen. Daran finde ich die Prozessperspektive interessant. Identität ist nicht einfach da, sondern sie wird in Auseinandersetzung mit der Umwelt geformt. Daher kann als Deformierung nur erscheinen, was vorher als integraler Bestandteil der Identität betrachtet wurde und dessen Veränderung als Verlust erlebt wird. Bei Identitätsarbeit finde ich neben den Erfahrungen der Vergangenheit aber auch den kreativen Blick in die Zukunft wichtig. Wer möchte ich sein? In solche Identitätsentwürfe gehen typischerweise tiefgreifende Erfahrungen – gerade auch negative – ein. Sie sind Quellen des Selbst. [Ich nehme ein Beispiel aus dem kollektiven Bereich, die Erklärung der Menschenrechte. Sie formulieren unse kollektive Identität, wer wir als Menschheit sein wollen. Die Erfahrung des zweiten Weltkriegs mit all seinen Schrecken wurde in eine abstrahierende und möglichst generell akzeptierbare Formulierung von Werten übersetzt – was noch lange nicht deren Realisierung bedeutet.] Identitätsentwürfe sind auch zukunftsgerichtet, sie werden deutlich in Worten und wiederkehrenden Taten. Wiederkehrend deshalb, weil sich erst in einer Serie praktischer Handlungen identifizierbare Muster zeigen. Wiederkehrend auch deshalb, weil Routinen den Alltag bestimmen und die zielgerichtete Aufmerksamkeit für idiosynkratische Erfahrungen erst ermöglichen. Also ein Lob der Routine.

    In diesem Sinne, frohes Schaffen!
    Ihre
    Mostina

  2. Liebe Mostina,

    ich respektiere Dein Pseudonym, doch es ist Teil des “Spiels” mit den Identitäten, dass ich die Gleichsetzung mit der DramaQueen, die mir in vielen Punkten unheimlich und überzogen erscheint, ablehne und Dir als Dein Freund Benjamin antworte. Herzlichen Dank für den reichen Input! Wir analysieren Beziehung von zwei verschiedenen Startpunkten aus und auch der sprachliche Zugang ist je ein anderer, dennoch habe ich das Gefühl, dass wir einen ähnlichen Blick auf die Welt teilen. Das fühlt sich in seiner Verbundenheit schön an. Ich bin darüber hinaus fest davon überzeugt, dass die Grundprinzipien der Beziehungsgestaltung, wozu letztlich je nach Definition auch die Identitätsbildung (nach meinem Verständnis als Mischung von Beziehung zu sich selbst und zu allem sowie den anderen) gehört, nicht von der Größe des zu betrachtenden Systems abhängt. Das ist nicht ganz zuende gedacht, ich weiß, schon allein wegen der Massenphänomene usw., aber vereinfacht scheint es so zu sein. Die DramaQueen strebt nach identitärer Kohärenz, wobei ihr die Narrenfreiheit des Blogs den Raum zur die Spielregeln selbst festlegenden Entfaltung gibt. Feige, aber irgendwie stimmig.

    Der Mensch und sein Wille – das war für mich der entscheidende Gedanke in Deinen Ausführungen – wird für andere erst in wiederkehrenden Worten und Taten deutlich. Das ist verantwortungsvolle Kost, und ich werde versuchen es zu beherzigen.

    Liebe Grüße
    Benny

    1. “Der Mensch und sein Wille” ist auch für sich selbst intransparent. Sonst wäre all die mühevolle Gefühls- und Identitätsarbeit nicht nötig, die erst das Wissen um die eigene Identät schafft.

  3. Mühevoll? Es ist ein unglaublich anstrengendes Ringen, wenn das Grundgerüst so biegsam und zerbrechlich ist.

    Ähm, das sagte die DramaQueen, als ich sie neulich traf. Bei mir ist alles easy.

    Grüße
    B

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