A country for old men / Ein Plädoyerchen

Lieber B., meine süße Herzbübin von der traurigen Gestalt,

was machen alternde Diven wie wir, wenn der Lack ab ist? Natürlicherweise sonnen sie sich im Glanz vergangener Tage. Sie können die Gegenwart feiern und die Erwartungen an eine frohe Zukunft hoch schrauben, wie sie wollen, ohne den Rausch der Vergangenheit sind sie nicht lebensfähig. So will ich berichten von den Taten derer, deren Tage gezählt sind und denen, Gott gegeben, das Pinkeln im Stehen vergönnt war.

By the way, A. und Du, B., ihr wart mir immer die Liebsten, jede auf ihre Weise. Die eine hübsch und Schwester im Geiste, der andere melancholisch bärtig wie ich, mein altes Ego in spe. Ein hübsches Paketchen wärt ihr, schnürte man Euch zusammen. Bei einem Wein im Kerzenschein träte ich in eure innige Mitte und würde A. die Hand küssen und sie die Treppe hinauf ins Zimmer geleiten, während ihre tief beseelten Augen schon im Gehen in die meinen blickten, voll von entrückter Spannung, den Akt schon vorwegnehmend. Dich, meine herzallerliebste „Blöd“frau, würden wir dazu nehmen. Dein trauriges Seufzen aus dem Schatten der Riesen-Gerbera auf dem Tischchen neben dem Bett, der Deiner begleitenden, rücklings wie ein Käfer zappelnden Onanie Altar wäre, würde uns kafkaesk verzaubern und den schneller werdenden Bewegungen die rechte Untermalung sein. Aber ach, sprechen wir nicht über A. und ordnen wir sie nicht in Bilder ein, deren Splitter wir nicht zusammengefügt bekommen. Begatte DU mich doch einmal, B.! Herz und Anus stehen Dir jederzeit (Zu Deiner vollsten Zufriedenheit, versprochen!) zur Verfügung.

Zunächst wird es jedoch für Dich schwer genug sein mich zu finden, meine kleine Zuckerschnute mit der Zauberrute. Da ich aber kein Unmensch bin und über Dich an A. heranzukommen gedenke, will ich Dir verraten, wo Du mich künftig antreffen kannst: Mittlerweile bin ich die Karriereleiter gewaltig nach unten gestiegen. Es ist zwar noch lange nicht das Kellerloch, in das ich gehöre, aber immerhin. Und das im Folgenden Deinem aufmerksamen Auge nicht verborgen bleibende psychedelische Wippen sowie das angestrengte Stieren auf den Teleprompter werden meinen Untergang noch beflügeln.

Mein neuer Job beim MDR, auf den ich wahrlich nicht stolz bin. Und dann noch Geld für eine Video-Converter-Lizenz ausgeben? Nein danke, dann lieber “Wasserzeichen”.

Ach, ich bin eine alte Prinzessin geworden. Gott sei Dank keine alte Jungfer, aber eben alt. Gar nicht so sehr an Jahren – meine bärtige Visage ist nur minipunktuell ergraut und die Stirn hat sich zwar Jahr um Jahr weiter nach hinten verschoben, glänzt aber noch weitgehend faltenfrei, nein, ich fühle mich erschöpft, wie es eigentlich nur alte Frauen tun, wenn sie sich Tag für Tag auf die Bank vorm Haus in die Sonne setzen und jederzeit bereit sind zu gehen. Ich sinke hinab in so eine große wohlige Müdigkeit, in die die Menschen nur fallen, wenn ihr Job erledigt ist und es keinen Grund mehr gibt, für oder gegen irgendetwas einzustehen. Sie haben weder Kraft noch Lust, dieses anstrengende Spiel weiter zu betreiben, atmen erleichtert auf, da sie keine Gefangenen der eigenen Verhaltensweisen und Denkstrukturen mehr sein müssen, sie lassen für eine unterhaltsame Geschichte in der Wiederkehr des ewig Gleichen gern mal Fünfe grade sein, und ums Recht haben geht es ihnen schon lange nicht mehr. Mein Fall ist darüber hinaus etwas speziell: Aus einem fortwährenden „Werden“ wurde ein „War“; das „Sein“ habe ich traurigerweise, ein bisschen Selbstmitleid ist hier durchaus angebracht, übersprungen. Was macht so etwas bloß mit den Erinnerungen?

Ja, so fühle ich mich schon vor der Zeit, mein lieber B.. Sei darüber nicht traurig. Die Dinge sind sortiert und besser wird es nicht mehr; lass mich meine Lieben noch einmal herzlich drücken und dann lehne ich mich mich ganz ganz weit zurück.

Einer von denen, die noch zu herzen sind, ist meine Kumpeline Tino. Du kennst ihn, B., und ich weiß, dass Du ihn ähnlich hoch schätzt wie ich. Er hat es geschafft, den natürlichen Wandel von der überbordenden, selbstbezogenen Körperlichkeit hin zur gebrechlich weisen Zurückgenommenheit der Älteren zu vollziehen, womit er die Menschen um sich herum bereichert. Im Gegensatz zu mir hat er dadurch die besten Jahre noch vor sich, und das, ohne irgendwelchen Wirbel zu machen wie die bärtige Prinzessin. In dem Maße wie er im letzten Jahrzehnt körperlich und seelisch zerbrechlicher wurde, verwuchs er mit meinem Herzen. Darin liegt eine Grunderkenntnis, B., die ich Dir mit auf den Weg geben möchte. Echte Beziehung als das einzig Wirksame, was uns weniger ängstlich und insgesamt zufriedener gen Ziellinie schreiten lässt, entsteht nicht durch äußerliche Parameter. Zeige Dich menschlich und verwundbar und sehe die anderen, und siehe, sie werden auch Dich sehen und das Himmelreich auf Erden wird gar nicht mehr so ferne sein.

Der kleine (re) und der müde Joe (li). (Foto: Florian Manhardt / BAYOMI)

Was soll das Geschwafel, werden Lebensmitstreiter jenseits der 40er-, 50er- oder gar 60er-Schallmauern fragen? „Aber nun lassen Sie mich doch einmal ausreden“, würde ich diesen Quasselstrippen, denn auch die Gewöhnung an die eigenen immer gleichen Phrasen nimmt leider mit den Jahren zu, versuchen zu antworten. Im Sport, der mein pseudoadliges Leben von Beginn an prägte, gelten nämlich ganz eigene Zeitgesetze. Mit fast vierzig gehört man da schon lange zum alten Eisen und wird in erbarmungsloser Offenheit mit der Vergänglichkeit konfrontiert. Durch intensives Training lässt sich zwar einiges bis ins höhere Alter kaschieren, aber tendenziell geht es bergab. Und natürlich, ja doch, ja, wir werden reifer und profitieren von unserer Erfahrung und so weiter, aber die unbedarfte Geilheit der Jugend kehrt nimmermehr zurück. Nachts muss man aufs Klo, nach intensiven Klettertagen werden längere Ruhepausen benötigt, die körperliche Leistungsfähigkeit verlagert sich bei abnehmender Schnell- und Maximalkraft in den Ausdauerbereich und statt 6 Mal kann man nur noch 5 Mal pro Nacht Sex haben. Na gut, 4 Mal. Oder 3. Ach, was weiß denn ich? Das ist doch alles viel zu lange her. „In the end it doesn’t even matter!“ The inner child is important, beware of the adult in you!

Linkin Park – In the end.

Es grenzte an Koketterie, wenn es nicht so grotesk ernst wäre. Dazu immer diese augenzwinkernde, scheinbar grundvergnügte Attitüde, die echtes Gefühl mehr wortreich umtänzelt als nachempfindbar gestaltet. Was vordergründig wie Schicksal anmutet, scheint mehr lebendige Konstruktion des Unterganges zu sein, doch, wie man es auch wendet und wie schillernd das neurotische Tier auch verendet, es verendet doch. Damit das Sterben in seiner unaushaltbaren Ödnis nicht ganz so weh tut, wird der Abgang mit ein paar gelegentlichen Kletterstunden und diesen memoirenhaften Zeilen versüßt. Der Ausdruck Memoiren bezeichnet laut Wikipedia Denkwürdigkeiten oder Aufzeichnungen von selbsterlebten Begebenheiten. In Abgrenzung zur Autobiografie stelle der Memoirenschreiber seine soziale Rolle in den Mittelpunkt der Darstellung. Na, das ist doch ganz nach meinem egozentrischen Gusto. Da muss man sich wenigstens nicht wie die Romanciers hinter einer aufgeblähten Story verstecken und kann sein ICH ganz unverklausuliert betrachten.

Stets, lieber B., sah ich uns beide mit 80 Jahren und einem Glas Wein vor einer weiß getünchten griechischen Hauswand sitzen und den eigenen und fremden Frauen hinterher pfeifen, hin und wieder ein paar Boule-Kugeln werfen oder uns mit Geschichten aus unserem Leben übertreffen. Nun ist das narzisstische Schwein aber über sein Suhlen schon viel zu früh innerlich ergraut und bekommt die selbst geschnürte Schlinge nicht mehr vom Halse ab, so dass Du, mein lieber Leidensgenosse, – auf die Schnelle und in dieser Form – die Anekdoten, welche meine Allherrlichkeit preisen, und dies nur zu dem Zwecke, dass ich halbwegs aufrecht untergehen kann, auch ohne Boule und das ganze andere Drumherum schon jetzt erdulden musst.

Eine wunderschöne Geschichte, die schon mehrfach erzählt wurde, doch Dir hier noch einmal aufgetischt werden soll, ist jene, wie ich Kletter-Superstar Chris Sharma 2011 in Berlin die seit Jahren in mir brennenden Fragen stellen durfte. Mit ein bisschen Glück und dem üblichen Größenwahn gelang es mir damals, ein exklusives Interview zu ergattern. Auch Fotograf Florian Manhardt (www.balanceyourmind.de) nutzte die Gelegenheit, um seine Bildpalette um den charismatischen Amerikaner zu erweitern. Die Antworten selbst wurden auf unserer mitteldeutschen Boulderdatenbank free-solo.de – Gott hab sie selig! – veröffentlicht. Das folgende, zeitgleich entstandene Porträt habe ich damals an das österreichische Szenemagazin „Climax“ verkauft. Die Sache sollte mittlerweile verjährt sein. Und von den Rezipienten hat die eine Hälfte bestimmt alles vergessen, die andere erscheint mir noch zu frisch dabei, um den Text schon zu kennen. Na ja, in der Regel sind solche sich der eigenen Identität vergewissernde Memoiren eh nur für die Autorin interessant, quasi ein selbstverliebt eloquentes Fest der objektiven Bedeutungslosigkeit. Hmm, Eigentor. Egal.

Chris Sharma 2011 in der Berliner Boulderhalle Ostbloc. (Foto: Florian Manhardt / BAYOMI)

Mythos Sharma – Ein Kommentar zur Roadshow „Living the dream“

Es ist Sonntag Abend, der 3. April 2011. Das letzte Licht des Tages dringt durch die großen Fenster der Berliner Boulderhalle Ostbloc. Die Türen stehen offen und geben den Blick frei auf den maritimen Charme der Rummelsburger Bucht. Ein paar Leute mit Vip-Karten dürfen in der Halle bleiben und bouldern noch, der Rest der Meute steht wartend vor der Tür. Dann betritt Chris Sharma, der erste Mensch, der nachweislich 9b geklettert ist, etwas scheu die Halle und wird sofort von einigen Leuten, die ihm den weiteren Ablauf des Abends erklären wollen, umringt. Er hat – ganz Amerikaner und Kletterstar – für jeden ein Lächeln parat, wirkt jedoch etwas abgespannt. Später wird er mir im Gespräch erwartungsgemäß sagen, dass er sich freue, hier zu sein. Natürlich sagt er das und nichts anderes, auch das ist Teil des Jobs. Eben noch im spanischen Lleida, dann etliche Foto- und Filmtermine, zwischendurch die „Action Directe“ ausbouldern und jeden Abend zum Vortrag in einer anderen Stadt.

Couchgeflüster zwischen Sharma und DramaQueen. (Foto: Florian Manhardt / BAYOMI)

Mit Sharma auf der Couch

Zwei Jahre hat es gedauert, den viel beschäftigten, eher medienscheuen Chris Omprakash Sharma heranzubekommen. Immer wieder hätte es Absagen gegeben, erklärt mir Veranstalter Stefan Koch (www.boulder-masters.com), bis dieses für das deutsche Klettervolk ohne Frage faszinierende Ereignis dann doch zu Stande gekommen sei. Es überrascht mich in diesem Zusammenhang nicht, zu erfahren, dass Sharma seine Prioritäten in der Regel auf das Klettern seiner Projekte und nicht auf das Halten von Vorträgen setze. Nach dem Soundcheck schlendert der im Surferlook gekleidete Sharma noch ein wenig herum. Er ist offenkundig angetan, von dieser Halle der neuen Generation (www.ostbloc.de). An der Ausstellung meines Fotografen Florian Manhardt (www.bayomi-foto.de) hält er kurz inne. Sehr gut. Wir bekommen ein Zeichen vom Veranstalter und folgen ihm über die Absperrung in die „Lounge“. Ich fühle mich großartig; gleichzeitig bin ich auch ein wenig aufgeregt, denn vor mir sitzt nun der Mann, der mich, seit ich kletternd denke, inspiriert hat. Das Leben des Chris Sharma ist ein medialer Mythos, aufgeladen durch zahlreiche Videos, in denen er zum Teil sehr persönlich sein Kletterleben mit der Welt teilt. Ein befreundeter Fußballer fragte mich im Vorfeld, welchen Stellenwert denn so ein Interview mit diesem Sharma hätte, ich sagte ihm, dass er sich vorstellen sollte, mit dem Weltfußballer Messi kumpelhaft auf der Couch zu sitzen. Dieser Vergleich hat gezogen. Interessanterweise ist Sharma außerhalb der Kletterszene kaum bekannt, innerhalb ist der Begriff Superstar hingegen nicht übertrieben.

Job versus Authentizität

Während wir einander gegenüber sitzen, habe ich genügend Zeit, ihn zu mustern. Sharma wirkt älter als dreißig, und mir wird wieder klar dass so eine Legende auch nur ein Mensch ist und das Klettern am Limit durchaus Stress bedeuten kann. Ich gleiche die mediale Kunstfigur Sharma mit der Realität ab und habe plötzlich ein Gefühl von Vertrautheit, als würde ich diesen Menschen schon kennen. Ein ungleiches Verhältnis, denn ich kann für ihn nur ein weiterer Anonymus sein, einer unter den vielen, die auf seiner fünftägigen Roadshow mit dem etwas abgelutschten Titel „Living the dream“ etwas von ihm wissen wollen. Aber den souveränen Umgang mit begeisterten, ihn Chris nennenden „Fans“ ist Sharma ja gewöhnt, und er erfüllt auch an mir ganz „Nice guy“ seinen PR-Auftrag. Harte Worte, aber warum um alles in der Welt ist er sonst hier und nicht in Oliana, wo, wie er in seinem Vortrag erwähnen wird, ein weiteres 9a+- Projekt auf den Durchstieg wartet? Natürlich will er den Leuten, die ihm mit dem Kauf von Kletterstuff seinen Lebensstil ermöglichen, etwas zurückgeben. Und natürlich ist ihm der Kontakt zu den Menschen wichtig, aber eigentlich will er doch auch nur wie alle anderen diese geilen Linien in Spanien klettern. Und dafür braucht’s eben ein bisschen Geld. Allem vermuteten Schein zum Trotz wird mir jedoch im Verlauf unseres Gespräches klar: Dieser Mann ist authentisch und ein netter, fast ein bisschen schüchterner Kerl, dessen Haupteigenschaft die bedingungslose Hingabe an das Klettern ist.

Obsession an der Grenze zur Zwanghaftigkeit

Nach den üblichen Floskeln „How are you?“, „Have you ever been to Germany“ et cetera sind wir schnell beim Klettern angelangt, und aus dem respektvollen Abtasten wird ein Gespräch auf Augenhöhe. Meine Fragen zu seinem Haus und dem Leben in Spanien scheinen ihn nicht zu überraschen. Er antwortet rasch, wobei häufig das obligatorische „Well, …“ die Sätze ein- und ein typisches „You know“ die Sätze ausleitet. Als er über seine katalonische „Heimat“ zu sprechen beginnt, leuchten seine Augen und jeder seiner nun folgenden Gesten gleicht einem Kletterzug. Das ist sein Thema, hier spürt man die für den Erfolg am Rande des Menschenmöglichen nötige Obsession, hart an der Grenze zur Zwanghaftigkeit. Allein das Reden über seine Projekte scheint den „Job“ in Deutschland wieder mit Leidenschaft zu füllen. Nach all den Jahren des Travellings betont er, wie wichtig es ihm sei, jetzt ein Zuhause im spanischen Katalonien zu haben. Dieses Katalonien sei im Übrigen tatsächlich das Kletterparadies, wobei die Hauptschwierigkeit darin bestünde, sich auf eine dieser vielen genialen Linien zu fokussieren. Insgesamt verbringe er genauso viel Zeit mit Einbohren wie mit Klettern, und es sei schwierig, sich nicht zu verfitzen. Welch ein Luxus! Ich erkläre ihm, dass wir in Mitteldeutschland jeden Quadratmeter beklettern und jedes noch so abgelegene Wäldchen nach dem einen ultimativen Boulder-Projekt absuchen. Sharma schaut verständnisvoll, isst Pizza, trinkt Bier dazu und schenkt mir, seiner höflichen Art entsprechend, ein paar nette, aufbauende Worte.

First Round, First Minute

Als ich wohl oder übel auf sein Langzeit-9b-Projekt „First Round, First Minute“ zu sprechen komme, gerät Sharma ins Stocken. Er wird nachdenklich, betont aber, dass er darauf antworten möchte, auch wenn er, was Teil des Problems zu sein scheint, diese Frage offenkundig schon tausend Mal gehört hat. In seiner Reaktion wird die ganze emotionale Tragweite und die Zerrissenheit seines Wirkens in der Öffentlichkeit klar. Einerseits betont er immer wieder, wie wichtig es ihm sei, dem reinen Klettern über den Kontakt zum „Publikum“ eine gesellschaftliche Dimension zu geben. Andererseits folge er am liebsten einfach seiner persönlichen Motivation, ohne jeglichen Druck von außen. Das sei quasi der Hauptgrund, warum er Erstbegehungen so möge. Am Ende seiner Erläuterungen zu den 50 frustranen Versuchen in benanntem Projekt – allesamt scheiterten sie, so Sharma, am letzten Zug – und den damit verbundenen Motivationsproblemen komme ich zu der nicht sehr überraschenden Erkenntnis, dass so ein Spitzenkletterer die gleichen Probleme hat wie alle anderen auch, nur eben einige Grade darüber. Eines hat er freilich den meisten voraus. Das massive Scheitern wäre, so erklärt er, ein für ihn von der „Realization“ sowie anderen Großprojekten her bekanntes Gefühl, und er hätte gelernt, damit umzugehen. Man müsse loslassen können, und irgendwann sei die Zeit reif.

Der „Philosoph“ Sharma und die Inspiration

Es gibt ja die Sharma-Jünger und die, denen dieses „pseudo-philosophische“ Gelaber auf den Geist geht. Ich würde mich eher zur ersten Gruppe zählen und freue mich, dass Sharma in der Folge eingesteht, dass ausschließliches Klettern über die Jahre manchmal auch Sinnfragen aufkommen lässt. Wenn er darüber spricht, dass er diesen Lifestyle nun aber vollends für sich angenommen habe und sein Platz im Leben eben dieser sei, glaube ich ihm dies, allen zwischenzeitlichen Phrasen zum Trotz. Man mag ihn mögen oder nicht, aber der Mann ist echt. Er vermag es, seine Inspiration zu übertragen und die Obsession gesellschaftsfähig zu machen. Nach einem Gespräch mit Sharma gibt es keinen Zweifel daran, dass es Sinn macht, alles stehen und liegen zu lassen, um zum dritten Mal in dieser Woche für viele Stunden zum eigenen Projekt zu pilgern. Die Message lautet: Hadere nicht mit Deinem Schicksal! Es ist egal, in welchem Leben Du steckst, es kommt nur darauf an, was Du daraus machst. So oder so ähnlich wird er auch nach seinem Vortrag auf die Frage aus dem Publikum, ob er, der er ein so beneidenswertes Leben führe, manchmal auch auf die Leben anderer schiele, antworten.

9c-Routen machen einen nicht schlechter

Thema Training: Nur selten Plastik, kein Plan, rein intuitiv. Das fasst es ganz gut zusammen. Auch wenn das eigentlich bekannt ist, möchte ich Sharma noch einmal mit den folgenden Sätzen zitieren: „Mein Training sind die Projekte, die ich mache. Andere Kletterer trainieren zum Beispiel sechs Monate lang drinnen, gehen dann raus und klettern die Routen sehr schnell. Ich hingegen trainiere nicht, sondern arbeite über einen langen Zeitraum an meinen Projekten. Am Ende kommt das zeitlich aufs Gleiche raus. Jeder muss für sich entscheiden, was ihn mehr motiviert.“ Schön, nicht wahr? Das weiß man gleich, auf welche Seite man sich wider besseren Wissens schlägt. Natürlich gibt es, die ganze Talentfrage mal außer Acht lassend, systematischere Wege, den oberen elften Grad zu erreichen, aber an inspirativer Kraft ist diese Herangehensweise, Face to Face mit dem Grund der eigenen Motivation, nicht zu überbieten. Und das, was Sharma in den letzten 15 Jahren so alles geklettert hat, sucht ja auch seines gleichen und legitimiert sein Tun, obgleich es die Erkenntnisse moderner Trainingstheorie bisweilen ad absurdum führt. So sei es in Katalonien zum Beispiel ein Problem, dass man immer klettern gehe, es gebe definitiv zu wenig Ruhetage. Bei aller Freude über diesen Erfolg ungebremsten Impulskletterns, gilt es jedoch zu bedenken, dass man zwangsläufig bärenstark werden muss, wenn man, wie Sharma während der Präsentation erwähnt, bisweilen exzessiv in potentiellen 9c-Routen trainiert. Bei den Erzählungen über eine solche Tour in Oliana, in der er zwar alle Einzelzüge, aber nie mehr als zwei am Stück klettern könne, wird zudem die ganze visionäre Kraft derer, die jenseits des Herkömmlichen wandeln, deutlich. Bezüglich der Route „Jumbo Love“ am Clark Mountain habe er von den Visionen des Randy Leavitt profitiert, er selbst hinterlasse der nächsten, stärkeren Generation dieses für ihn vermutlich nie kletterbare Projekt.

Manöverkritik

Irgendwann gibt mir Sabine von boulder-masters.com freundlich, aber bestimmt zu verstehen, dass ich meine Zeit schon überschritten hätte. Wir machen noch schnell ein Porträt, shaken hands und ich bin für den Rest des Abends von dieser vermutlich einmaligen Begegnung beflügelt. Sharma selbst signiert noch irgendwelche Schuhe, „prostituiert“ sich anderweitig und ein halbe Stunde später beginnt der eigentliche Vortrag. Der Begriff Multivisionsshow ist arg euphemistisch für eine Präsentation mit ein paar bekannten und tonverrauschten Videosequenzen sowie mittelmäßigen Bildern aus dem Heimarchiv. Alles wirkt etwas dahingeschludert und willkürlich, man merkt, dass ihm seine erklärten Freunde von BigUp und auch sonst niemand bei der Vorbereitung geholfen haben. Kein Wunder also, dass der eine oder andere durchschnittlich an Sharma interessierte Bergfreund, der mit 17 Euro schon ein bisschen tiefer in die Tasche greifen musste und von Glowac und Co. Besseres gewohnt ist, am Ende etwas unzufrieden nach Hause gehen wird. Den wahren Fan hingegen kann weder die mangelhafte Präsentation noch das fehlende Spotlight – Sharma sitzt im Dunkeln und nur bei helleren Fotos kann man seine Züge erahnen – aus seiner Begeisterung reißen. Denn, das Ganze lebt ja, das muss man begreifen, von der physischen Präsenz dieses (Über)menschen. Wir wollen Details aus seinem Leben erfahren und uns ein Stück weit in ihm wieder finden. Deshalb ist der vortragende Sharma auch immer dann am stärksten, wenn er zum Beispiel über seinen Kumpel Dani spricht, der sich in seiner sympathischen Besessenheit an jeden Zug einer x-beliebigen, Jahre zurück liegenden 6a erinnern könne, oder wenn sich das unscharfe Bild eines nackten Freundes beim Psicobloccen zwischen die Bilder von Highend-Routen mischt. Natürlich bekomme auch ich noch einmal feuchte Finger beim Anblick seines Durchstieges der „Realization“ in Ceüse, aber nach dem 5. Video in weitgehender Frontalaufnahme verliert sich das Gefühl für die Schwierigkeit einer Tour, die 70 Meter-Linie „Jumbo Love“ und der Psicobloc-Kracher „Es Pontas“ mal ausgenommen. Diese beiden kann ich mir immer und immer wieder anschauen. Am Ende geht mir durch den Kopf, dass Sharma jetzt eine ganze Woche nicht klettern war. Wow, ich hätte nicht gedacht, dass er das bringt! Seine Antwort auf diesen lachsen Einwurf während des Interviews, war, dass ihm das auch mal ganz gut täte. Er klettere, wie erwähnt, eher zu viel als zu wenig. Und bei aller Kritik, selbst der müde, mittelmäßig vorbereite Sharma hat insgesamt unglaublich inspiriert. Eigentlich wollte ich mein zuletzt im Steinbruch eingebohrtes, für mich wahrscheinlich nicht kletterbares Projekt, an den Dresdner Markus Hoppe verschenken. Nach diesem Vortrag greife ich jedoch noch einmal an. Das Unmögliche möglich zu machen, ist, das weiß ich jetzt, eine Mission, die man ohne Kompromisse annehmen sollte.

Im Dunkeln ist schlecht Munkeln. Ein Vortrag der Unterklasse. (Foto: Florian Manhardt / BAYOMI)

Ein Jüngerer, der mittlerweile schon so lange, und zwar seit seiner frühesten Kindheit, medial am Start ist, dass er mich trotz seiner Jugend mein gesamtes Kletterleben lang begleitet hat, ist Adam Ondra, the One and Only. Ist Sharma, in die Fußballsprache übersetzt, der Messi, so muss man bei Ondra von Ronaldo sprechen, genauso effektiv, nur ohne dieses arrogante Gehabe. Auch hier bin ich erklärter Fan, was per se unreflektierte Überhöhung zugunsten ungetrübter Begeisterung voraussetzt. Mein dadurch nahezu bedingungsloses Interesse (= Freude an der erlebten Kunstfigur) hat sich mit den Jahren von Sharma weg hin zu Ondra verlagert. Die Erklärung dafür ist einfach: Während Sharma mittlerweile schwächelt und mit Frau und Kindern in die Bürgerlichkeit abzugleiten droht, verkörpert Ondra mit seinem jugendlichen Unsterblichkeitsspirit den totalen Erfolg in allen Disziplinen, was in prickelnder Weise fasziniert. Umso erstaunlicher ist es, dass es in Folge ein Video zu sehen geben wird, das einen seiner seltenen Scheitermomente dokumentiert. Und das ausgerechnet in unserem heimischen Löbejüner Klettergarten! Beungünstigende Umstände, die ich noch näher erläutern werde, hin oder her, zwei Dinge bringen ihn uns dadurch ganz nah: zum einen die offensichtlich doch vorhandene menschliche Fehleranfälligkeit und zum anderen der Besuch an sich, der unserem kleinem Kletterleben und der ganzen mitteldeutschen Szene Bedeutung eingehaucht hat.

Aber fangen wir ganz von vorne an; ich werde mich wie immer bemühen – man kennt das ja nicht anders von mir, was den Einschub eigentlich überflüssig macht, ich weiß, haha – die Sache kurz zu halten. Also, auf einem Unter-der-Woche-Ausflug nach Franken kamen Tino und ich in seinem schönen neuen VW T6 auf mein Projekt „Zenith“ im Aktienbruch zu sprechen. Wir hatten es gemeinsam vor etlichen Jahren in mühevoller Seilabspann-Arbeit neben der „Terra Nova“ eingebohrt, aber eine Passage von drei Metern im unteren Drittel war damals für mich nicht im Ansatz kletterbar gewesen. Von der letzten guten Leiste mit rechts und einem für mich im Überhang nicht haltbarem Winzgriff für links aus waren gefühlt unmögliche, geschätzte 1,20 Meter zu einem abschüssigen Sloperband zu überwinden. Auf den folgenden 15 Metern konnte ich zumindest die Griffe festhalten, da diese aber diagonal nach links oben verlaufen, gibt es darunter außer ein paar bröseligen Kleinstleisten nichts zu treten. Schade um die ganze Arbeit, aber sei ‘s drum! Zumindest hatte ich den ehemaligen Deutschen Meister, Markus Hoppe aus Dresden, einmal hinein gescheucht und konnte mich so über die Jahre an seiner Aussage festhalten, dass die Tour schon ginge, wenn man einmal richtig durchputzte. Im Toprope habe er jeden Zug irgendwie einmal machen können. Ganz glauben konnte ich dies zunächst nicht, aber nun gut, wer wird denn die Aussage eines solchen Überfliegers anzweifeln?

Bei der obligatorischen Bockwurst irgendwo bei Hermsdorf fiel mir dann ohne Zusammenhang ein, dass Adam Ondra demnächst für einen Vortrag und zum Show-Klettern im Leipziger No Limit weilen würde. Tino stellte prompt den Zusammenhang her und forderte mich in seiner üblichen Mischung aus Spaß und freigeistiger Unvoreingenommenheit auf, ihn bei der Gelegenheit doch mal mein Projekt probieren zu lassen. Na klar! „He Adam, ich hab da was für Dich, in einem Steinbruch bei Halle. Ist auch nur ein bisschen brüchig, und bisher konnte es irgendwie keiner klettern! Wenn ich Zeit hab, zeig ich Dir die Linie gern mal.“ Als wenn der Ondra, der zum Zeitpunkt mitten in den Rotpunktvorbereitungen für sein Projekt „Hard“ in Flatanger steckte, mal eben auf eine der vielen Anfragen dieser Art einsteigen würde. Aber wir wären nicht wir, wenn wir es nicht dennoch versucht hätten. Am Ende würde es vielleicht sein wie immer. Ob der Überhöhung der heimischen Gefilde würde man uns vor und hinter vorgehaltener Hand verlachen, sich dann aber dennoch im Nachgang die Rosinen heraus picken und diese mit Freude nutzen. Dazu will ich mal eines los werden, sag das den Hatern da draußen, B.; Du warst doch in der Szene immer ganz gut vernetzt: Ohne diesen unerschüttlichen Enthusiasmus für das eigene Tun, was im Übrigen im Sinne wahrer Leidenschaft nur funktioniert, wenn der Selbstzweck bei der Sache im Vordergrund steht, ist zu keiner Zeit Neuland betreten worden.

Also, ran an die Ondraschen Buletten und eine erfolgversprechende Kommunikationsstrategie überlegt. Zwei Kanäle fielen mir in diesem Zusammenhang ein: www.8a.nu und Instagram, was Adam Ondra beides, das ist anhand seiner Kommentare und Beiträge ersichtlich, selbst pflegt. Die Nähe zur Autobahn, die Einschätzung Markus Hoppes, der ihm aus dem Bahratal und der internationalen Wettkampfszene bekannt sein sollte, und ein paar gut inszenierte Bilder würden ihm zusammen mit dem Vorschlag, es einfach auf dem Weg nach Leipzig einzubauen, die Sache möglicherweise attraktiv machen. Gesagt getan, und … es passierte geschlagene zwei Wochen nichts. Gerald hatte die Sache zwar „spannend“ und „irgendwie witzig“ gefunden, aber ein gewisser Spott war ihm durchaus anzumerken gewesen. Doch siehe da, am Abend vor dem Leipziger Auftritt hatte ich Adams Privatnummer im 8a-Postfach. Er fragte höflich, ob ich ihn und seinen Kompagnon guiden könnte; er käme am nächsten Morgen halb zehn an der Autobahnabfahrt Löbejün vorbei. Krass! Äh, ja unbedingt … doch nein, verdammt!! Meine ärztliche Kollegin hatte am Folgetag geplant frei, so dass die Patienten nicht versorgt sein würden, wenn ich auch noch fehlte. Oh nein! Die einmalige Chance, mit Ondra privat klettern zu gehen, zerrann mir zwischen den Fingern. Auch hatte ich die Tour nicht noch einmal geputzt, da ich nicht mehr mit seinem Erscheinen gerechnet hatte. Einmal tief durchatmen und Plan B, was bedeutete, dass Gerald und Tino, die als Selbstständige flexibler agieren konnten, akquiriert werden mussten. Es benötigte erwartungsgemäß nicht allzu viel Überredungskunst, und ihre begeisterten Berichte versöhnten mich im Nachgang damit, nicht selbst dabei gewesen zu sein. Heute bin ich stolz, die Idee ins Rollen gebracht und damit viele Menschen für ein paar Tage gute Gefühle beschert zu haben.

Summa summarum war Ondra jung, bescheiden, sprachbegabt und unvorstellbar stark! Von der Steinbruchkante aus schickte er mir eine begeisterte WhatsApp-Nachricht ins Krankenhaus, dass er “such a nice quarry” – alles grünte und blühte zu der Zeit – gar nicht erwartet hätte. Auch im Nachgang bedankte er sich noch einmal recht überschwenglich. Meine Kommunikation mit ihm lief und läuft auf Englisch, Gerald und Tino konnten vor Ort aber schnell ins Deutsche wechseln. Und letztens sah ich ein Video, in dem er fließend Spanisch sprach. Sehr faszinierend! Es unterstreicht die These, dass schweres Klettern auch etwas mit sonstiger Intelligenz und Kreativität zu tun hat.

Der Aktienbruch bei Löbejün ist im Frühjahr eine wahre Wonne. (Foto: Tino Kluge)

Auf die Frage, ob er etwas zum Aufwärmen bräuchte, habe er mit der Bitte, gleich in den vorgeschlagenen Hardmove-Sektor (Sonnenwende) zu gehen, reagiert, da er ja schon 16 Uhr wieder in Leipzig zu sein hätte. Also musste eine unserer schwersten Routen überhaupt, Geralds wunderschöne „Terra Nova“, deren Grad im Führer zwar mit 9+ angegeben ist, die aber nach internationalen Maßstäben durchaus mit französisch 8a (9+/10-) gehandelt werden kann, als Aufwärmtour herhalten. Genannte Augenzeugen beschrieben seinen lockeren Onsight so, dass es für sie wie ein Fünfer ausgesehen habe. Nun gut, wir alle neigen zum Übertreiben, aber letztendlich ist klar, was gemeint ist, welche sportliche Welt also zwischen Ondras und zum Beispiel Deinem Klettervermögen, lieber B., Du lustiger Krabbelkäfer, liegt.

Adam Ondra beim Aufwärmen im mitteldeutschen Testpiece „Terra Nova“ (8a). (Foto: Tino Kluge)

Wenn ich die Fotos und Berichte richtig gedeutet habe, ist er in Folge an der Wandoberkante zum Umlenker meines Projektes „Zenith“ gequert, hat von dort nach unten durchgeputzt und alle Züge probiert, um in Folge nochmal von unten am scharfen Ende des Seiles einzusteigen. Der eingangs beschriebene weite Schlüsselzug bereitete auch ihm Probleme und wäre wohl der einzige gewesen, den er knapp nicht habe ziehen können, wobei seine Hand immer schon auf der großen Sloperleiste zum Liegen gekommen wäre. Als kurzzeitig die Sonne aus der Wand war, habe der Grip fast ausgereicht, um den Zielgriff festzuhalten. Ich erinnere mich noch gut an Geralds begeisterten Habitus, als er mir am Nachmittag, die Bewegung mit vollem Körpereinsatz nachzubilden versuchend, berichtete, wie Adam Ondra seinen rechten Fuß quasi in Schulterhöhe auf die letzte gute Leiste gesetzt habe, um sich dergestalt, im Überhang wohlgemerkt, die 1,20 Meter nach oben zu pressen. So etwas hätte er, wenn er es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, gar nicht für möglich gehalten. By the way, die Wand ist das Überhängendste, was der Aktienbruch hergibt. Ondra sollte später auf Instagram posten, dass er SENKRECHT noch nie so schwer geklettert wäre. Lustig, nicht wahr? OK, er war zu dieser Zeit im ultrasteilen Flatanger-Modus, da können sich die Realitäten schon mal verschieben. Immerhin hat er die Route nicht als „Slab“ eingestuft. Und wenn wir schon einmal dabei sind und da es eh für viele die wichtigsten Fragen sind, hier also die Antworten: hart 9a+ oder gar 9b. Gehen tue es trotz der drei harten Boulder, die noch folgten, auf jeden Fall, und wenn es mal wieder passe, komme er gern wieder, um das „unfinished business“ abzuschließen. Und nein, ich werde nicht Bescheid geben, damit keine Crowd den Kletterfrieden stört.

Der Name scheint Programm: Mit „Zenith“ wird irgendwann selbiger in Mitteldeutschland erreicht sein. Noch steht der Rotpunkt aber aus. (Foto: Tino Kluge)

Das ist im Grunde die ganze Geschichte. Via Instagram standen unser Aktienbruch und mein Projekt für eine knappe Woche im Licht der Kletterweltöffentlichkeit. Da kann man sich schon mal ein bisschen erhaben fühlen, nicht wahr? Oder ist das übertrieben eitel, Du mein B.-Orakel? Mensch, für diesen Post gab es knapp 12000 Likes bei über 100000 Followers, um mal die heutigen Maßzahlen für gelungene Öffentlichkeitsarbeit ins Feld zu führen. Und das Ganze für ein Bild, dass meine Kumpeline geschossen hat. Auch wurde der von mir vergebene und an den Wandfuß gepinselte Name in die Welt hinaus posaunt und damit in die Hirne zementiert: „Zenith“. Wie passend, denn er scheint durchaus Programm zu sein und wird wohl irgendwann, ein gelungener Rotpunkt vorausgesetzt, auch das Ende der Schwierigkeiten in Mitteldeutschland bedeuten. Tja, und wenn es dann so weit ist, wird wohl der Aktienbruch gesprengt werden, na prima! Dann vielleicht doch lieber „Mandala“ in Anlehnung an die tibetischen Sandbilder, die, kaum fertig, schon wieder zerstört werden, um jeglichen Anhaftungen abzuschwören. Aber nein, der Name ist bei uns schon für eine andere Route vergeben, außerdem stirbt die Hoffnung (= Gerald und sein Verhandlungsgeschick mit der SH Natursteine GmbH & Co. KG) bekanntermaßen zuletzt.

Weil die Zeit drängte, setzte Adam – ich fange jetzt einfach mal an, ihn zu duzen, immerhin hätte ich ja fast einen halben Tag mit ihm zugebracht, das verbindet – noch einen Go im Dirk Uhligschen „Novum“, der mit 8b aktuell schwersten Route Mitteldeutschlands. Entgegen seines sonstigen Credos, zwischen den Routen ausreichend lange, was meist mindestens eine Stunde bedeute, zu ruhen, wäre Adam wohl schon wenige Minuten nach dem Seilabziehen eingestiegen. Auf dem von Tino gefilmten Kurzvideo ist die Cruxpassage von „Novum“, die auf halber Höhe aus der „Terra Nova“ herausquert, zu sehen; Adam klettert sie in bisher ungesehener Spagat-Variante, und ich will nicht wissen über welch unsportliche Länge diese Gräten verfügen. Für die nächste schlechte Leiste mit links muss er schon mal ein bisschen pressen, gucke an, wäre ja auch verrückt, wenn nicht, aber dann vertut sich der Meister im leichter werdenden Gelände und geht den falschen Griff dynamisch an. Oah, schade, alles auf Anfang. Die Vorteile eines solchen „Versagens“ habe ich ausreichend benannt.

Novum (8b). (Film: Tino Kluge)

Es wurde kurz geflucht und geschimpft. Das kennen wir aus zahlreichen Videos von ihm. Unten wäre er dann sofort wieder das zarte Lamm gewesen, das unter anderem zum tschechischen Bouldergebiet Petrohrad, dass er nicht so cool fände, Rede und Antwort gestanden hätte. Aber wehe, der Kerl geht in die Wand, das hat den Tino nämlich am meisten beeindruckt, dann spanne sich ab dem ersten Zug jeder Muskel und ein eiserner Wille peitsche ihn vorwärts. Immer auf onsight, sonst nix, yeah baby!

Im Gehen hätten sich dann noch ein paar der an diesem Wochentag raren Aktienbruchbesucher heran getraut, um ihre ungläubig staunende Vermutung strahlenderweise bestätigt zu bekommen. Die ganz Mutigen hätten sogar um ein Foto gebeten, was Adam – er war ja eh auf Promotour und ist noch zu jung und gleichzeitig Profi genug, um in solcher Angelegenheit komisch zu sein – bereitwillig gewährt hätte. Außerdem hatte Gerald ihm ja unseren Kletterführer als Gastgeschenk überreicht; da wäscht eine Hand die andere. Auch Tino ließ sich beim Selfien nicht lumpen und belegte beim großen Nasen-Beauty-Contest mit Abstand den ersten Platz.

Schönheit kommt bekanntlich von innen. Und eine Nase ist weniger präsent als die andere. Ich verrate aber nicht welche. Nur so viel: Adam seine ist es nicht. (Selfie: Tino Kluge)

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass Adam das ganz große Arbeitskino dieses Tages noch bevor stand. Ins Bett gehen durfte er erst nach ungefähr 200 geshakten Hands, 80 weiteren Selfies, vielen Worten und einer 8c- sowie 8b+-Hallenroute im Onsight. Erstere eigens made by Altmeister Christian Bindhammer.

Und vielleicht meldet er sich ja nochmal bei uns, um das Projekt „Zenith“ abzuhaken, was toll wäre, denn dann hätten wir, den vermuteten Schwierigkeitsgrad vorausgesetzt, eine der Top-Three-Routen Deutschlands im Löbejüner Aktienbruch. Zuletzt schrieb er mir, dass er ziemlich busy sei, uns aber durchaus noch auf dem Schirm hätte. Klar, was soll er in seiner höflichen Art auch antworten? Kennt nicht irgendwer den Megos? Schließlich ist „Zenith“ ein offenes Projekt und der Weg von Nürnberg nach Halle ist, gemessen an den heute von Spitzenkletterern pro Jahr zurück gelegten Flugmeilen, unbedeutend kurz. Ach, irgendwie ist es in Anbetracht dessen, dass spätestens in vier Milliarden Jahren eh alles vorbei sein wird, wenn unser Milky Way mit dem Andromedanebel verschmilzt, auch egal. Oder doch nicht?

Crash der Titanen: Milchstraße und Andromeda-Galaxie.

Das mit meinem Vertrag beim MDR (siehe ganz weit oben) fällt Übrigens in die Kategorie Fake News, sorry. Da muss ich mir und Dir, mein lieber B., die Illusion rauben. In Wirklichkeit bin ich nämlich neuerdings mit Glied in der tibetischen Frauenfußball-Nationalmannschaft. Der billige Trick mit der eingekauften, lang gewachsenen Deutschen ist zum Glück bisher nicht aufgefallen, da die Tibeter durch die fortwährende Annektion Chinas an keinem Großevent teilnehmen dürfen. Na, so ein „Glück“ aber auch.

“Meine gigaschlanken Wadln san a Wahnsinn für die Madln. Mei Figur a Wunder dar Natur. I bin so stoak und auch so wild. Ich treib es heiss und eisgekühlt.” Da sag nochmal einer, die Tibeter hätten kein Temperament.

Im Zusammenhang mit reifen Männern MUSS ich noch ein paar Sätze zum halbdeutschen Italiener mit der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft Terrence Hill (Mario Girotti), den mittlerweile fast 80 Jahre alten Komödianten, dessen blaue Augen nach wie vor über eine enorme Strahlkraft verfügen, zum Besten geben. Mit „Mein Name ist Somebody“ kommt sogar bald ein neuer Roadmovie mit ihm in die Kinos. Wo allerortens die Ikonen, die unser Leben von Beginn an begleitet haben, wegsterben und uns dabei alt aussehen lassen, ich erinnere nur an Udo Jürgens, Joe Cocker, Bud Spencer, Michael Jackson und Konsorten, lässt Terrence nochmal einen gucken. Hut ab!

Terrence Hill – Mein Name ist Somebody.

Der sympathische Frauenschwarm Terrence (die konsequente Vornamensnennung soll Nähe und Augenhöhe suggerieren) war neben “Face” vom A-Team und (natürlich) Winnetou beziehungsweise Old Shatterhand einer meiner großen Jugendidole, und ich liebe ihn bis heute. Was viele nicht wissen, ist, dass er 1990 seinen Adoptivsohn bei einem Autounfall verlor, woran er fast zerbrochen wäre. Außerdem heißt es, dass die legendären Dialoge zwischen Spencer und Hill anfangs gar nicht so witzig gewesen, sondern erst im Rahmen der Nachsynchronisation aufgepeppt worden seien. Auch die Prügelszenen hätten zunächst nicht über diese lustigen Knall-Buff-Bäng-Geräusche verfügt. Erst mit entsprechenden Nachbearbeitungen sei der internationale Erfolg gekommen. Diese Informationen wurden mir von einem Freund, der es mal gelesen habe, zugetragen. Ich habe es nicht recherchiert, da ich aber sehr alte, noch ernst gehaltene Frühwerke der beiden Haudegen kenne, erscheint mir das Ganze stimmig. Und selbst wenn nicht: Der Irrtum ist bisweilen besser als die Wahrheit, sagt Herr Janosch, und ich sehe es ganz genau so. Auch ist der Irrtum eine zwangsläufige Zwischenstufe auf dem Weg zur nächstgültigen Wahrheit, sagen die Dialektiker.

Du erinnerst Dich nicht an „Die linke und die rechte Hand des Teufels“, mein ebenfalls blauäugiger, von den Frauen geliebter Freund; oder die „Vier Fäuste gegen Rio“? Weißt möglicherweise gar nicht, was und wer gemeint ist? In dem Falle flunkertest Du doch, oder? Na, ob nun so oder so, höre jetzt auf jeden Fall mal genau hin!

Aber was ist ein Plädoyer für den reifen Mann, wenn die Schönheit der älter werdenden Frau nicht gesehen wird? So hat zum Beispiel Isabelle Huppert („Die Klavierspielerin“) auf ihre kühle, ganz unabhängig von ihren 65 Jahren und der ausgemergelten Grunderscheinung bestehende Art ordentlich Sexappeal. (Als ob es nur darum ginge, tss!) Und da Bilder in diesem Falle zweitrangig sind, lasse ich folgenden, sehr lesenswerten „Zeit“artikel für die Grand Dame sprechen. (Bei Interesse musst Du Dich – zumindest temporär – für den kostenfreien Newsletter anmelden.)

https://www.zeit.de/2016/35/alles-was-kommt-film-isabelle-huppert/komplettansicht

Bevor ich mit der Schlussszene des besprochenen Films, für die Du etwas Geduld brauchst, und dies ist ja nicht Deine Stärke, B., auch das Ende meines Briefes einleite, gebe ich folgende philosophische Frage, die auch im Film gestellt wird, in die Runde: Ist die Hochschätzung phantasmatischer Wunscherfüllung nur die verzweifelte Reaktion auf eine unerfüllte Liebe oder stellt sie in intellektueller und unverwelkbarer Form tatsächlich das höchste durch Liebe zu erreichende Maß an Glück dar, weil es der Grenzenlosigkeit nie abklingender lebendiger Fantasie entspringt und uns so vor schmerzlichen realen Enttäuschungen bewahrt?

Alles was kommt – Schlussszene mit Isabelle Huppert.

Wie auch immer. Wenn wir beginnen Pferde zu umarmen, hat der letzte Zug den Bahnhof bereits verlassen.

Küsse weiter so saftig, lieber B., und grüße doch bitte A. von mir! Sie wird wissen und verstehen.

Deine DramaQueen

2 Gedanken zu „A country for old men / Ein Plädoyerchen“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.