Plaste und Elaste made in Nostalgien

Liebster B., tolerierte Lecktohren-artige Textüberflieger,

passend zur Jahreszeit und in Bedienung Deines Faibles für sämtliche Facetten des Bergsports stimme ich heute ein Hohelied auf das Indoorklettern an. Gerade erst bin ich aus einer meiner zahlreichen Gedankenfabriken zurückgekehrt; es sind riesige Gebilde, Großstädten, ach was sag ich, ganzen Ländern gleich, in denen man sich schnell verlieren kann. Zuletzt war ich, das weißt Du ja, meine Schöne, in Amoria gefangen, nunmehr pilgere ich regelmäßig nach Nostalgien, dem Land der verklärten Erinnerungen und projizierten Sehnsüchte.

Im Grunde ist die begriffliche Geschichte von „Nostalgien“ eine Aneinanderreihung von Miss(t)verständnissen: Was wir heute so nennen, ist eigentlich eine umgangssprachliche, aber mittlerweile in allen Wörterbüchern vertretene Variante von „Nordostalgien“, einer fantasievollen Zusammenführung vom altdeutschen „Noor-Öst“ und dem zunächst gälisch angehauchten, im Verlauf der Zeit jedoch umfänglich eingegälten „Alginster“. Diese Doppelwendung hatte um das Jahr 1700 im Zuge eines durch den Pöbel falsch verstandenen aufklärerischen Widerstandes gegen das Althergebrachte eine Bedeutungsumwandlung von „Nichts“ beziehungsweise „Niemand ist im Busche“ zu „Nikki, Du Lusche“ erfahren und wurde in jüngerer Vergangenheit sogar häufig mit dem lautmalerisch ähnlichen, in der Gegend um Bautzen Verwendung findenden „Nu isses boald finsder“ verwechselt. Schaut man noch weiter zurück, ist festzustellen, dass die beiden Worte lediglich falsch vom Vulgärlatein in unsere Sprache entlehnt worden sind, denn nachdem die römischen Besatzer im niedersächsischen Bergland ordentlich aufs Maul bekommen hatten, übersetzte Hermann noch auf dem Schlachtfeld, besoffen wie er war, das Ganze freestyle ins noch gar nicht existierende Mittelhochdeutsche. Ursprünglich lautete es nämlich „Noster agertum“, was wiederum eine Veredelung des zu Zeiten der Konsonantendiskrimierung in römischen Trabantenstädten gebräuchlichen „Nogger“ darstellte, welches letzten Endes nichts anderes als „Roh zu verzehrende Kackwurst“ bedeutete. Also eine Sinnentstellung auf ganzer Linie. Mann, oh Mann, wenn ich nicht alles erklären würde, aber egal!

Heute kürzen wir den ganzen Beziehungsquark mal ab und schwärmen weiter in der Vergangenheit. Dieses gepflegte, zur Kunstform erhobene Lieben und Leiden ist doch auf Dauer recht anstrengend. Man kann solche Dinge auch lockerer sehen, ganz unverkopft wie so manch blond gefärbt- und braun gebrannter Popbarde. Deshalb, B., meine Gutste, und alle anderen Ladies and Gentlewomen, habe ich exklusiv für die wahren Kenner- und Liebhaberinnen unter uns etwas ganz Feines aus der Konserve gepökelt: Dieter Bohlen bei Harald Schmidt!

Dieter Bohlen in der Harald Schmidt-Show.

In Folge gibt es das Feldbuschsche Pendant zu bewundern, denn man darf ja „auch irgendwie das Menschliche nicht vergessen“, „als wie ohne“ und so. Nun gut, hübsch anzusehen und bisweilen nicht ganz doof, war sie ja. In manchen Seelen möchte ich wirklich einmal Mäuschen spielen, über das Vorzufindende staunen und auf diesem Wege die kindliche Heiterkeit und das schnelle Vergessen wiedererlernen. Übrigens befand sich Harald Schmidt 1996 auf dem Höhepunkt seiner professionell zynischen Lakonik. Meine Meinung.

Verona Bohlen (geborene Feldbusch, später Pooth) in der Harald Schmidt-Show.

Aber beginnen wir mit der Aufbereitung des eingangs genannten Themas. Die Entwicklung des in Halle lebenden und in den Wintermonaten hauptsächlich drinnen kletternden Hominiden verlief gemäß der typischen Entwicklungsprozesse innerhalb des östlichen Teils der Republik.

Unsere Indoor-Sozialisation begann in dunklen Höhlen am Rande finsterster Plattenbausiedlungen. Damals waren wir jung und unzerstörbar, trugen noch „dauerhaft geliehene“ blaue oder grüne OP-Hosen und rauchten F6 Blue beziehungsweise Lucky Strike. Wir fuhren mit der Schwalbe vor und Fußtechnik war etwas für Leute ohne Kraft. Ich zitiere dazu den damals viel älteren Helge – heute ist der gefühlte Altersabstand deutlich geringer: „Testosteronbomber haben zwar die hübscheren und jüngeren Frauen, aber auch die älteren und hässlicheren Autos.“

Ne geilheilige Ramsch- und Muckibude war das! Mit dem folgenden Text habe ich ihr ein Denkmal gebaut. (Foto: Elisabeth Gerono)
Wir sind Helden – Denkmal.

Dojo

Der aus dem Buddhismus stammende Begriff Dojo bedeutet wörtlich übersetzt “Der Ort, an dem der Weg geübt wird”. Für einen echten Kampfkünstler sei sein Dojo ein zweites Zuhause. Eine Stätte der Meditation und Konzentration, ein geehrter Ort des Lernens für jeden ernsthaft Übenden.

Das ist eine schöne Umschreibung, die sich ohne Scheu vor zu viel Pathos auch auf das Klettern in der ehemals einzigen Indoor-Anlage Halles, die sich zusammen mit einem kleinen Kampfsportraum einen versteckten Garagenkomplex im Westen der Stadt teilte (und nach wie vor teilt), übertragen lässt. Denn wer kennt sie nicht, diese innige Auseinandersetzung mit den beim Bouldern auftretenden inneren und äußeren Herausforderungen. Und schon mancher hat im Dojo zumindest zeitweilig sein zweites Zuhause gefunden.

Die meisten der damaligen Griffe hatte der Ex-Hallenser Christian Fibich aus seinem Trainingskeller beigesteuert und später teilweise mit seinen Eisgeräten auch wieder zerstört. Dafür war er aber auch der einzige Eiskletter-Worldcup-Teilnehmer, der je in unserer Boulderhalle trainiert hat.

Man konnte im Dojo richtig stark werden; der Hauptüberhang, das Campusboard und ein später hinzugekommenes 6-Meter-Dach waren beeindruckend und erlaubten intensives Training sowie lange, schwerste Boulder. Hier bekam man Strom ohne Ende; leider waren die leicht überhängende Wand sowie die Senkrechten seitlich begrenzt. Mit ein bisschen gemeinsamer Kreativität ließ sich aber einiges raus holen.

Mehrere Runden im Hauptüberhang oder die Strickleiter (Bachar ladder) hoch und runter waren der Standard nach jeder Session im Dojo. (Foto: Elisabeth Gerono)

Viele hallesche Kletterer haben sich im Dojo kennen gelernt. Auf Grund der Kleinheit der Halle kam man zwangsläufig, auf einer alten Turnbank sitzend, ins Gespräch. Die Atmosphäre war familiär und es fanden sich immer Gleichgesinnte.

Es wird berichtet, dass schon zu Beginn der 2000er Jahre geniale Sessions im Dojo stattgefunden haben. Kletterführer-Autor Gerald Krug, Lutz Schneider, der jetzt in Berlin weilt und als Begründer des 23-Boulder-Cups sowie als Betreiber der Ost- und Südbloc-Hallen bekannt ist, oder der schon genannte Christian Fibich haben sich regelmäßig zum gemeinsamen Bouldern dort eingefunden. Auch andere Namen, die man aus dem Kletterführer kennt, waren dabei: Christian Podhaisky, Torsten Gedicke, Jakob Schlademann oder Christian „Der Meister“ Henning. Ebenso haben Tino Kluge („Aufschwung Ost“), unser starker Jungstar Tom Sauer oder der mehrmalige Sachsen-Anhalt-Meister Lars Walendy zu unterschiedlichen Zeiten im Dojo mit dem schweren Bouldern begonnen. In den Folgejahren sind Generationen von Kletterern, häufig inspiriert durch den Uni-Kurs, im Dojo „groß“ geworden.

Es herrschte die einmalige Regelung, dass kein Eintritt genommen wurde. Man bat lediglich darum, hin und wieder den Besen in die Hand zu nehmen und sich an der alljährlichen Griffputzaktion zu beteiligen. Die blanken Wände wurden dann übrigens immer für die Hallesche Bouldermeisterschaft, ein Invitational mit Freunden der Halleschen Kletterszene, neu bestückt.

Fazit: Bis zur Eröffnung des Thalias und Boulderkombinats war das Dojo der kultige Mittelpunkt des halleschen Indoor-Kletterns.

Tim Wenzel (Zweitplatzierter) vor der Crowd des Neubaubloc Invitationals 2011. (Foto: Florian Manhardt / BAYOMI)
Lokalmatador Tino Kluge hatte das Publikum klar auf seiner Seite und zeigte im maximalkräftigen Finale, was er drauf hat. Sein Kumpel DramaQueen war Veranstalter und Moderator. (Foto: Florian Manhardt / BAYOMI)

Der Mensch strebt stets zum Höchsten, nicht jeder Einzelne aber in Summe. Auch im Bergsport ist der höchste verfügbare Punkt der Umgebung von größter Bedeutung. Trotz der zunehmenden Ausdifferenzierung und der damit verbundenen Etablierung verschiedener Subdisziplinen gibt es nach wie vor ein unter ehrlichen Kletterern gültiges Bedeutungsgefälle vom Alpinismus hin zum Bouldern, also vom großen Berg zum kleinen und von der Ganzheitlichkeit zur Spezialisierung.

Dergestalt wurden auch die von Halle angepeilten Kletterbewegungsstätten für die mittlerweile von der Sache abhängigen Primaten immer höher. Um auch im Winter mit Seil babylonische Gipfel erklimmen zu können, hieß es, Saison für Saison 2 Mal 30 Minuten im Auto zu sitzen, um im fernen Leipzig an einem Überhang, der bundesweit seinesgleichen sucht, hoch motiviert die Sau raus zu lassen.

Kreislauf des ewig Gleichen oder immer wieder neu? Über die Jahre waren es bestimmt hunderte von gekletterten 8+ Routen im Leipziger „No Limit“. Aber nicht alle gingen so fluffig im Onsight wie diese weiße im Januar 2019? (Film: Peter Saile)

Die versprochenen „blühenden Landschaften“ – inklusive Latte Macchiatto – hielten nun auch in den kleineren Städten Einzug. Aber mit dem Wohlstand kam die Bequemlichkeit. Der Geist verflachte ob der farblich griffsortieren Konsumtempel, und als Krönung dieses degenerativen Prozesses begannen Einzelne sogar, die beim Bouldern üblichen „Sitzstarts“ wörtlich zu nehmen.

ROTER: Ihn und möglichst viele seiner Artgenossen im „Boulderkombinat“ zu flashen, ist das erklärte Ziel und gleichzeitig der Ritterschlag der halleschen Plastikjünger. Dereinst war es Lutz Schneider vom „Ostbloc“, der in Anlehnung an die Fontainebleau’schen Parcoure ein Farbsystem für drinnen entwickelte und mit Rot den Beginn des richtig schweren Boulderns markierte. Den Satz „Haste den Roten schon gemacht?“ sollte man als Neuling, der sich anbiedern will, unbedingt drauf haben. (Film: Tino Kluge)

Der der kapitalistisch-zivilisatorischen Überladung überdrüssige und irgendwie andersartige Neanderthaler zog sich mit der Zeit in die Natur und – dann doch bourgeois verdorben – in die eigenen vier Wände zurück. Wie viele andere googleisierte Nasen erhob er mangels echter Beziehungen die mediale Zurschaustellung seiner körperlichen Leistungsfähigkeit zum Konzept. Doch mittlerweile sach ich: Ach, „like mich“ doch „am Arsch“.

Das der Szene bisher unbekannte Kletterzentrum Steintor. Eine narzisstische Eliteschmiede vor dem Herrn.
Deichkind – Like mich am Arsch.

Jenseits der bekannten Welt, im Niemandsland weit nördlich des Kletteräquators, wo die Bärte der überraschend zivilisierten Ureinwohnern lang sind und die Schwielen an den Händen vom Bedienen der Takelage und nicht von irgendwelchen Plastikhenkeln kommen – nehmen wir einmal an, ich meinte zum Beispiel Rostock und das dortige „45 Grad“ und mixte es mit Film- und Serienkult – gibt es mittlerweile sogar Boulderhallen, die mit wundersamem Teppich ausgekleidet sind. Diese Tempel der Postmoderne verlässt der bouldernde Mensch mit saubereren Schuhen als zu Beginn. Um mit Otto Waalkes zu sprechen: „Vergessen Sie nicht, sich die Füße abzutreten, wenn Sie nachher wieder raus gehen!“ Weitere Vorteile dieser Unterfußmassagematten sind die gemütliche Wohnzimmeroptik, die länger clean bleibenden Wände und Griffe, über die die Junkies für gewöhnlich unmittelbar nach dem Umschrauben huren, als wenn es kein Morgen gäbe, und vor allem die geringere Staubbelastung. Da stiebt nämlich nichts, wenn man auf die Matte fällt!

Das sympathische Königspaar der wilden Nordmänner (Lisa und Flo aus dem Hause „Stark mit Winterfell“) empfing uns gastfreundlich, und der schnieke Teppich bot Schutz gegen die „Weißen Wanderer“ (Chalk). (Foto: Georg Hasselberg)

Otto – Der Außerfriesische: Leuchtturmszene (1989).

Der Schweizer geht ja eigentlich nur noch raus, aber es gab auch eine Zeit da war er deutlich zu lang “drinnen”, was mich einst, basierend auf seinen beklemmend eindringlichen Schilderungen seiner wahren, zum Glück aber glücklich ausgegangenen Begebenheit, zu folgendem traurigen Text inspirierte:


Lebendig begraben

Der Schnee glitzerte in der Nachmittagssonne und wir kamen gut voran. Bei jedem Schritt knirschte es unter unseren Schneeschuhen. In der Ferne sahen wir die drei Schweden, die wir am Vorabend kennen gelernt hatten und die an diesem Tag ebenfalls hinaus, auf einen Nachbargrat, gehen wollten. Die Bedingungen galten schon seit Wochen als nicht optimal, Lawinenwarnstufe 3. Aber zu dieser Zeit fuhren alle bei Stufe 3 hinaus, das war völlig normal. Wir hatten ein gutes Gefühl, wählten jedoch sicherheitshalber eine Strecke, die wir gut kannten.

Die ersten Abfahrten auf dem Bergrücken waren fantastisch. Hin und wieder rutschte ein wenig Schnee talwärts, was uns dort oben nicht wirklich gefährlich werden konnte. Ich fuhr voraus und sah diesen gigantischen Kessel, den wir sonst nie beachtet hatten. Ich winkte meinem Bruder (ein letztes Mal) zu und gab ihm zu verstehen mir zu folgen. Dann ließ ich mich treiben. Nach dem ersten steilen Stück, das all meine Konzentration gefordert hatte, flachte der Kessel in seiner Mitte etwas ab. Ich verlagerte das Gewicht nach hinten und ließ die Nase des Boards auf dem Schnee schwimmen. Mit ausladenden Schwüngen surfte ich, Gischtwolken aufwerfend, durch das weiße Gold. Ein Hochgefühl überkam mich. Was konnte es Schöneres auf der Welt geben als diesen Ritt durch unberührten Pulverschnee?

Kurz vor dem Talgrund verlangsamte sich meine Fahrt. Ich hielt, um zurückzuschauen am Rande dieses mit Eiszapfen übersäten Überhanges, der meine Gruft werden sollte. Dieser Vorhang meiner persönlichen Hölle. Übelkeit und entsetzliche Panik überkommt mich, wenn ich an dieses Bild zurück denke. Ich sehe weiter oben meinen Bruder, wie er aufgeregt winkt, weil von der anderen Kesselseite her ein riesiges Schneebrett unter den Schwüngen der Schweden abbricht, sehe meine Frau, wie sie unser Kind an sich klammert und sich wippend und schreiend die Haare reißt, als sie die Nachricht meines Todes erfährt. Ich sehe und fühle noch, doch alles ist nunmehr unerreichbar und unabänderlich für mich. Ich bin nur noch Sphäre; nur noch verzweifelt irrender Geist.

Bisher ging ich davon aus, dass sensible Menschen in Anbetracht ihres nahenden Todes um die eigene Existenz zu trauern beginnen. Wie gern hätte ich die Tragik meines frühen Ablebens gespürt! Stattdessen dieser banale Existenzkampf einer ausgelieferten Kreatur:

Der erste Schneekegel schleuderte mich mit Wucht unter den Überhang. Meine Beine verdrehten sich in eine unnatürliche Position und ich kam mit dem Gesicht nach oben zum Liegen. In die Panik von eben, als ich die Lawine auf mich zurasen sah, mischte sich so etwas wie Hoffnung, denn über mir schimmerte es hell und ich konnte den Schnee mit den Armen etwas zur Seite schieben. Immer wieder durchbrachen meine Hände die dahinrieselnde Oberfläche. In meiner Verzweiflung begann ich unkontrolliert zu rudern, doch mit jeder Bewegung füllte sich mein Mund nur noch mehr mit weichem, sich in den Rachen vorschiebenden Schnee, so dass ich instinktiv die Hände im Halbkreis vor das Gesicht legte. Plötzlich kam alles zum Stillstand. Für einen kurzen Moment dachte ich, dass ich es schaffen würde. Doch dann kam die zweite Welle und schob sich mit gewaltiger Kraft über mich. Im Getose hörte ich die riesigen Eiszapfen bersten, bis das Grollen dumpf, wie aus weiter Ferne kommend, verklang. Die Lichtschimmer waren absoluter Dunkelheit gewichen; aus der fluiden Masse, die mich bis dahin umgeben hatte, war unnachgiebige Starre geworden. Ich versuchte meine Beine zu bewegen. Sie rührten sich keinen Zentimeter. Das Snowboard an meinen Füßen war der Anker, der die Aussichtslosigkeit meiner Lage zementierte.

Du liegst in einem Sarg aus Eis und weißt, dass niemand Dir helfen kann. Die Luftblase unter Deinen Händen wird Dich noch eine Weile am Leben erhalten, aber schon jetzt verkrampft sich Dein Körper, weil der Sauerstoff zum Leben nicht ausreicht. Unbeschreibliche Panik erfasst Dich. Eine nicht enden wollende Panik, wie Du sie noch nie erlebt hast. Du spannst Deine Muskeln und willst Dich befreien, doch verschlimmerst damit nur Deine Atemnot. Du japst nach der wenigen Luft, doch stattdessen fällt Schnee in Deinen Mund. Die Gedanken fegen durch Dein pulsierendes Hirn. Alles ist nur ein ganz beschissener Traum, sagst Du Dir. Und alles wird sicherlich gleich wieder gut. Du willst schreien und weinen. Und das Blut hämmert gegen Deine Schläfen. Wimmernd bedauerst Du Dich am Ende doch noch.

Dann instinktive Ruhe. Der Urin läuft dir die Beine entlang, und ein letztes Mal spürst Du die Wärme des Lebens.

Ein paar Mal Schnappen.

Unendliche Verkrampfung.

Nichts.

Dietrich Fischer-Dieskau – Der Leiermann (aus „Die Winterreise“ von Franz Schubert).

Ach, B. Du liebenswürdige Schnapsdrossel, „sind Freunde da, so schenke ein!“ Lass uns fröhlich sein und singen und tanzen, dann wird die Trübsal, die uns nach den letzten Zeilen befallen hat, sicher wieder verschwinden. Und spare nicht an Deiner Liebe, sei mutig und zeige Dich, so werden Du und ich und alle erblühen.

Gerhard Schöne – Spar Deinen Wein nicht auf für morgen.
Julia Engelmann – Lass mal ne Nacht drüber tanzen.

Hier sind die Freunde alle nochmal am Löschteich versammelt, sie sind zu sehen und zu hören: Der Chemnitzer Schweizer, der am „Ikarus“ (7B, bis heute nur zwei Wiederholungen) im Speziellen und dem Porphyr im Allgemeinen verzweifelt, die DramaQueen mit einer erfolgreichen Begehung von „Brandbeschleuniger“, dessen Schwierigkeit (6C+) in Zeiten der mitteldeutschen 7A-Schallmauer Grund zur Diskussion gab, und sogar Kili und Leo, die zusammen genommen immerhin über 7 Buchstaben verfügen. Das Video ist so alt (2009), dass das Verwackelt-Pixelige schon wieder kultig wirkt. (Früher war eh alles besser; alle waren Freunde und im Winter gab ‘s noch richtig Schnee. Nur das Arbeiten war unter Kletterern schon immer „scheiße“ – O-Ton Bong Hedlufsen aka Enniman. Also, Film ab; es lebe die Nostalgie!

Kamera, Kommentar und Regie sowie explizit kein Schnitt durch Enni.

Im Winter nur Plastikgriffe in den Händen? Nein, das bringe ich dann doch nicht übers Herz. Als nach Wochen der feucht-trüben Dunkelheit die ersten Sonnenstrahlen den Fels berührten, rannte ich quasi zum Riveufer und kreierte (@Kevin: Als „kre-ieren“ zu betonen!) einen weiteren Gegenpol zu dem ganzen Plastikgehangel der letzten zwei Monate. Am Ende sind das nämlich die Stunden, in denen ich mich am wohlsten fühle. Ein Stück bisher unbegangenen Felses, ein paar freie Stunden, Sonne, eine Prise Kreativität, ein bisschen Klettern plus herkömmliche Bauarbeiter- und Gartenarbeit. So entstand auch der Sektor „Bonus“, den ich hiermit zur Suche ausschreibe. Wer mir im Kommentarfeld als Erste mitteilt, wo genau sich dieser schnuggelige Zusatzspot am Riveufer befindet, der darf sich von mir etwas wünschen! (Ich bin ja so gespannt! Du, B., bist im Übrigen raus, denn ich bin nicht sicher, ob Du mir nicht doch neuerdings auf Schritt und Tritt folgst. Bisweilen kribbeln nämlich meine Brustwarzen so angenehm, was ein untrügerisches Zeichen Deiner Gegenwart ist. An alle anderen: Bitte keine Wünsche unter der Gürtellinie. Jegliche Erektion raubt mir meinen Prinzessinnen-Zauber.)

So einen blauen Himmel hatte die Welt im Februar 2019 lange nicht gesehen. Et voila: Der Sektor „Bonus“ am Riveufer.

SEKTOR BONUS

Bonus-Traverse 5A – V.r.n.l., vom Pfeil bis zum Punkt in der Verschneidung hinter der Backsteinwand, mit allen Absätzen.

Bonus-Traverse DC 5C Directors Cut. V.r.n.l., vom Pfeil bis zum Punkt in der Verschneidung, ohne die Absätze und die großen Fußleisten an der Backsteinwand.

Bonus-Boulder 1 (5B/C) – Den zentralen Überhang vom Sitzstart (Pfeil) bis zum linken markierten Zielgriff. Ohne Seitenkante.

Bonus-Boulder 2 (5B) – Den rechten Rand des zentralen Überhanges vom Sitzstart (Pfeil) bis zum rechten markierten Zielgriff. Links der Kante und mit selbiger.

Bonus-Boulder 1 und 2 (beide 5B). Wer ganz am Ende genau hinschaut, entdeckt vielleicht ein für die Lösung des Entdeckungsrätsels wichtiges Detail.

Der Worte waren es heute überschaubar viele. „Und das ist auch gut so.“

Klaus Wowereit outete sich auf dem SPD-Parteitag 2001. Nach seiner Rede wurde er von den Genossen einstimmig zum Kandidaten für das Amt des Berliner Bürgermeisters nominiert.

Ich bin übrigens nicht schwul im klassischen Sinne. Die meisten Männer, außer Du, B., riechen übel, das allein hält den Abstand zu ihnen; vielmehr empfinde ich Verliebtheit verbunden mit dem Drang nach Zärtlichkeiten (den Unterschied zwischen V. und L. lernte ich bei A.) für diverse Menschen und das unabhängig vom Geschlecht, wobei das kontrastreiche vaginale Prinzip in seiner ganzen Verschmelzungsästhetik nicht zu toppen ist. Im Übrigen ist das Wort „schwul“ ein übelst blödes Wort, bei dem – zumindest bei mir – gleich knutschende Lackschnäuzer im „Blue Velvet“ mitschwingen – scheiß Sozialisationsrucksack! Nun gut, eh ich mich verzettele, soll für heute Schluss sein mit lustig. (War es nie, ich weiß.)

Auf ewig Dein.

DramaQueen

3 Gedanken zu „Plaste und Elaste made in Nostalgien“

  1. Wunderschön 🙂 Nur, das historische Löschteichvideo geht irgendwie nicht.
    Kosmische Grüße an den Großmeister, bei dem ich ach soooo viel (nicht nur übers Bouldern!) gelernt habe!

    1. Leonid! Das freut mich aber, dass Du mich hier besuchst! Wenn ich eines bei Dir gelernt habe, dann das, dass man an seine Träume glauben und seine Leidenschaft leben sollte. Du hast geschafft, was schon immer Dein Ziel war und lange Zeit so weit weg schien: Deine eigene Boulderhalle und 8A zu bouldern. Für diese Kraft und Ausdauer bewundere ich Dich sehr.

      Zum Video: Smartphones sind in der Lage, dieses komische Format zu decodieren. Schauts Euch erstmal dort an. Es lohnt sich! In den nächsten Tagen versuche ich es zu konvertieren. Zum Islam oder so 🙂

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