Die Buchse der Pandora


Teure Freundin, C.,

es war lange still um mich, doch nach wie vor fühle ich mich Ihnen in innigster Weise verbunden. Sie wissen um meine unsterbliche Liebe zu A., eine Liebe, wie sie auch Sie und B. füreinander empfinden. Und doch muss ich Ihnen ein Geständnis machen. Sie sind ein so hübsches, unschuldiges, junges Ding, zum Teufel, ja, das sind Sie, und so fein riechen Sie auch, ABER … und das lesen Sie jetzt bitte ganz langsam, damit Sie es nicht falsch verstehen, ich will verflucht sein, wenn ich die zu Ihnen ganz konträre und doch gleichsam unantastbare A. und meinen merkwürdigen Freund B. mit Ihnen betrügen sollte. Lieber bewundere ich Ihre Reinheit im Stillen und verlasse mich darauf, dass es B., so schwach er auch sein mag, gelingen wird, Sie glücklich zu machen. Bitte schreiben Sie ihm nichts von meinen letzten Worten; sie würden ihn gewiss kränken.

Und möchten Sie wissen, wo all dies herrührt; wo die tief in mir schlummernden Empfindungen und Sehnsüchte, denen bereits durch das Gesamtwerk von John Jakes („Fackeln im Sturm“, „Die Chronik der Kent-Familie“) emodramatisch die Bahn bereitet worden war, endlich ihre gänzlich gleichklingende Bestätigung fanden? Ich will es Ihnen in Erinnerung rufen, liebe C.: bei einem der letzten neoklassischen Romanciers unserer Zeit, Milan Kundera.

Durch dessen sämtliche Romane habe ich mich in meinen Jugendjahren in hoher Geschwindigkeit gelesen; später war ich durchaus gesättigt, erwartete jedoch immer noch voller Vorfreude jede Neuerscheinung. Doch trotz dessen, dass ich mich sogar durch die recht trockenen Ausführungen zur „Kunst des Romans“, ein B- oder gar C-Werk des Autors, gequält hatte – Vielleicht sollte ich es heute noch einmal lesen!? – entdeckte ich erst vor wenigen Wochen ein Kunderasches Buch, das ich noch nicht kannte, das irgendwie an mir vorbei gegangen sein muss. Die Rede ist von „Eine Begegnung. Essays“, ein ganz wunderbares Spätwerk, in dem Herr K. ohne ein Wort zu viel, worin im Übrigen die eigentliche Kunst liegt und was mich von diesem Anspruch ganz entbindet, die Quintessenzen der von ihm verehrten Künstler versammelt. Prädikat: Boah, voll Waise, der Mensch, und doch im feuchten Schoß der Kunst geborgen!

Eine Begegnung. Essays“ von Milan Kundera. Ein tolles Spätwerk, das 2013 an mir vorbei geschlendert ist.

Einige seiner Romantitel – diese sind bei ihm immer an der Grenze zum philosophischen Essay und zur zugespitzten Novelle, auch gerät die eigentliche Handlung oft zum Nebenschauplatz – dienen mir als Gerüst für einen wie immer um Allgemeingültigkeit bemühten, an Kunderas Leben und Werk ablesbaren intellektuellen Entwicklungsprozess des Menschen. Wir reden hier über die Herrenmenschen, nicht etwa über das minderwertige Pöbelmaterial, das lediglich im Dostojewskischen Jargon der „Erhaltung der Art“ dient; bei denen ist wohl kaum von irgendeiner geistigen Entwicklung … Ups, falscher Text, diese Zwischennotiz sollte in die Rede für den AFD-Parteitag, Mist! Na ja, ähm, sorry, einfach weiter: Ich entwerfe also in vollem Ernst ein Entwicklungsmodell. Entschuldigen Sie dabei das vereinnahmende „wir“ und betrachten Sie es als frei-assoziative Interpretation der gleichnamigen neueren Bücher, die ich in der Reihenfolge ihres Erscheinens aufgreife. Einiges von dem, was ich von mir gebe, würde Kundera bestätigen, vieles sicher nicht.


UNSTERBLICHKEIT, LANGSAMKEIT, IDENTITÄT und UNWISSENHEIT = BEDEUTUNGSLOSIGKEIT?

In der Jugend sind wir von unserer Unsterblichkeit beseelt, unsere Träume und Hoffnungen auf die Zukunft berauschen uns und sind der Motor für exorbitante Anstrengungen. Doch gibt es wirklich etwas, das unsterblich nachwirkt, einen Abdruck der Seele über den Tod hinaus? Das wirft unweigerlich die Frage nach dem unveränderlichen Kern, einem höchst individuellen ICH, wie es auch Francis Bacon mit seinen die Menschen zum Wesentlichen hin verzerrenden Ölgemälden zu finden trachtete, auf. Dies erscheint mir unbeantwortbar. Wir bleiben gefangen zwischen notwendiger ICH-Illusion, der Idee, die wir von uns haben, und der im Grunde nicht objektiv greifbaren Wirklichkeit. Bacon bemühte sich exzessiv, ja nahezu brutal, um das Fassen des nicht Fassbaren. Er gab die Hoffnung nicht auf, hinter der Fassade des Einzelnen noch etwas Verstecktes, Bedeutungsvolleres zu finden. Und doch kam er nicht umhin, das Spiel hinter dem Grauen, auf das er (zu seinem Leidwesen) viel zu oft reduziert wurde, zu betonen.

Figuren des Exzesses: Francis Bacon (Eine Produktion von ARTE, unter anderem nach Vorarbeiten sowie Gesprächen von und mit Milan Kundera).

Die Langsamkeit ist frei nach Kundera die Grundtugend, mit der wir uns dem Leben als erfüllt zu lebendes Leben, in dem unter anderem die Kunst der Verführung eine zentrale Aufgabe darstellt, nähern sollten. Nur wer sich den Dingen langsam und geduldig hingibt, wird als junger Erwachsener gänzlich in sie eindringen können. Willkommen in meinem Kopf, liebe C., in dem sich das Sprachliche immer mit dem Plastischen mischt – schnick schnack, Sie wissen schon 😉

Im weiteren Verlauf des Werdens widmen wir uns lang und intensiv einer äußerst mühevollen Identitätsarbeit, um dann, oft aus Krisen im mittleren Lebensalter heraus, festzustellen, dass unsere Identitäten relativ sind und schnell dekonstruiert und ersetzt werden können. Neben Krankheit und Tod als primäre äußerliche Destruktoren erleben wir zunächst Enttäuschungen durch DIE anderen und hinterfragen, ob wir uns nach wie vor auf das verlassen können, was wir immer glaubten, dass SIE sind, dann resignieren wir über uns selbst. Die Erkenntnis, dass der Unterschied zwischen uns und den anderen, marginal ist, dass subjektive Einzigartigkeit einer spiegelnden Fata Morgana gleich kommt, entsetzt und erleichtert uns. Mit der Auflösung unserer zuvor geschaffenen (künstlichen) Identität, die mit der Hoffnung verknüpft ist, des Pudels Kern bloß zu legen, befreien wir uns und untergraben doch gleichzeitig das Fundament, welches wir in so großer Anstrengung errichtet hatten und das uns im Kontakt mit den anderen Verblendeten überleben lassen hatte. Alles wird fortan zur Baconschen Suche und Verzerrung.

Unsere Unwissenheit wird uns im Laufe unseres langen, immer kürzer werdenden Lebens in zunehmenden Maße bewusst, was im besten Fall in zurückgenommener Demut mündet. Das allgemein bekannte Paradoxon lautet: Je mehr wir wissen, desto mehr wissen wir, dass wir nicht wissen. Nicht nur Identitäten sondern auch andere abstrakte (menschgemachte) Gewissheiten verlieren mit der Zeit an Gewicht, dies alles zugunsten einfacher Verlässlichkeiten wie die überdauernden Wahrheiten von Redensarten und Sprichwörtern sowie simpelster naturwissenschaftlicher Zusammenhänge. (Beispiel: „Jeden Tag geht die Sonne auf“ in seiner konkreten und übertragen tröstlichen Bedeutung.)

Am Ende seines Lebens feiert der Autor Kundera „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ (FISCHER Taschenbuch, 2. Auflage 2016). Er findet trotz des grundsätzlich fatalistischen Ansatzes und hölzerner Gehhilfen, dies beziehe ich auf die Bemühungen, sprach- und inhaltlich an seine Glanzzeiten anzuknüpfen, auch in diesem Büchlein irgendwie zurück zur unerträglichen Leichtigkeit des Seins. Im Angesicht des nahenden Todes sind zu schwere Überlegungen, und seien sie noch so elegant und leicht formuliert, eben unnötiger Ballast. Wenn die Zeit knapp ist, wird die Philosophie müßig, und das Elementare gewinnt unverschnörkelt an Bedeutung. Atmen, Essen und Trinken, körperliche Liebe, Ausscheiden, Bewegung, Genuss, Krankheit und Tod. In demütiger Genügsamkeit werden beim betagteren Mann schon ein heftiges Niesen oder der seit Tagen ersehnte Stuhlgang zum genussvollen sexuellen Akt. Und keinesfalls darf trotz aller Altersbeschwerlichkeiten der Sinn für die Schönheit abhanden kommen – wobei die mit den Jahren einhergehende Langsamkeit den diesbezüglichen Genuss in der Regel noch steigert – denn sonst wäre auch alles andere augenblicklich bedeutungslos.


Ich frage Sie, C., denn Sie sind mein Orakel in den wirklich wichtigen Fragen, ist es der Mangel an echter Religiosität, der Menschen wie Kundera und mich zur Bedeutungslosigkeit verdammt? Und: Hat Kunderas „Box“ mich vor der Zeit verdorben, in dem er mich früh, viel zu früh, auf die wesentlichen Fragen, oft im Kleid lustvoller Erotik, reduzierte? Im Übrigen muss ich im Unterschied zu Kundera aufpassen, dass ich nicht von der Bedeutungslosigkeit in die Geschmacklosigkeit abdrifte. Bremsen Sie mich, wenn nötig.

Der Kern der Dinge, der Punkt, an dem sich alles echt und unmittelbar, und damit grundlebendig anfühlt – vielleicht dient mein fast nymphomanes Drängen ja ebenfalls dieser Sache? Intime Ungezügeltheit legt doch in ihrer ganzen schonungslosen Gewalt (genau wie Angst und Entsetzen) die Essenz der Menschen frei. Sie macht sie blank und offenbart ihre Grundnatur, mit der die getriebene Autorin ein Leben lang zu verschmelzen trachtete, um den verlorenen (zu gering ausgefallenen?) Urzustand wiederherzustellen. By the way, C., meine Süße, haben Sie je mit der damit einhergehenden Wucht und mit all diesen maßlosen Sekreten eine bärtige Prinzessin geküsst?

Nein, um Gottes Willen, wir sollten das nicht bemühen! Lassen wir die nur Pein und Trübsal bringende Büchse verschlossen.

Und pfui, ich ekel mich vor mir selbst. Verzeihen Sie mir, C., dass ich Ihr edles Gemüt so beschmutze. Und passen Sie auf B. auf; auch er trägt solche Gedanken, wenn auch in abgeschwächter Form, in sich. Er ist oft unwissend und gräbt langsam, aber stetig mit großen Spaten an den Pfeilern seiner wackligen Identität, nachdem er schon vor Längerem den Unsterblichkeitsgedanken aufgegeben hat. Bei ihm ist es immer eine Gratwanderung, links der Glauben, rechts die Bedeutungslosigkeit.

Eine Hypothese: Der gemeine Entwicklungsprozess des Menschen verläuft von einer mühevoll aufgebauten, opak selbstverblendenden IDENTITÄT von fraglicher UNSTERBLICHKEIT…
in demütig tropfender, entschleunigter LANGSAMKEIT im Handeln, der die im Laufe des Lebens immer spielfilmgleicher und unbeteiligter werdende Rasanz in der Wahrnehmung gegenüber steht, über das Stadium des Zweifels und der Erkenntnis der eigenen UNWISSENHEIT…
…hin zur völligen Dekonstruktion des zuvor aufgebauten Ichs, (fehl?)genährt aus einem zum Ende hin tiefen Gefühl der BEDEUTUNGSLOSIGKEIT von allem.

Wenn B. hier wäre, würde er mich korrigieren, ja, schimpfen würde er mit mir. Mein lieber apfelbackiger B., man hat ihn zu sehr mit Idealen gefüttert! „Was spart dies fatalistisch, fast nihilistisch aus?“, würde er mich belehren. Dass wir in unseren Kindern weiterlebten. Unsere Seele wirke doch nach, würde er dozieren, davon sei er fest überzeugt. Im Kleinen veränderten wir immer auch das Ganze. Unsere Wirkung schwäche sich nach unserem Tode ab, das sicherlich, aber wir würden dennoch durch die Folgen unseres Handelns zu Lebzeiten, auch durch unsere einst gesprochenen Worte, weiter unsere Netze im Dasein spinnen. Karma wirke fort, und so weiter und so weiter. Dieser Narr!

Es ist sinnfrei, sich weiter in diesen sympathischen Landstreicher hinein zu versetzen, weshalb wir schon jetzt zum Wesentlichen, bei dem B. und ich überdies eine größere Schnittmenge aufweisen, kommen sollten: Die letzten Erstbegehungen an der Golzernmühle (Wo auch sonst?) sind zu gut, um sie ganz ans Ende meiner essayistischen Betrachtungen dessen, was nostalguell (=nostalgisch und gleichsam aktuell) in mir vor sich geht, zu setzen. Kundera schreibt übrigens über solche innercerebralen Mischgebilde im Kontext seiner „Eine Begegnung“-Essays einleitend noch sperriger, als ich es zu tun pflege. Und doch lohnt es, darüber nachzudenken, was er meint: Sie sind „Begegnung meiner Reflexionen mit meinen Erinnerungen; meiner alten (existentiellen und ästhetischen) Themen mit meinen alten Lieben“, die in seinem Fall ein paar bekannte und ein paar weniger bekannte Künstlergrößen beinhalten und bei mir eher querbeet durch Klettersport, Literatur, nackte Tatsachen und Internet so Einiges umfassen. Nun gut, in meinem Kopf mischt sich alles irgendwie, und häufig ist nicht mehr trennbar, was Reflexion, Erinnerung, Thema oder alte Liebe ist. Das macht mein Leben beileibe nicht einfacher. Im Grunde dreht sich aber immer alles um babylonische Sehnsüchte, die zu stillen ich einige Anstrengungen in Kauf nehme.

Babylon SD, 7B/+, an der Golzernmühle bei Grimma. Wiederholung und Schwierigkeitseinschätzung sind ausdrücklich erwünscht. (Kamera und Kommentar: Johannes Bopp)

Mit dem Klettern verhält es sich bei mir äußerst paradox. Zum einen ist es in meinem realen Leben von höchstem Stellenwert, zum anderen messe ich ihm von einer existentiellen Warte aus nur eine austauschbare Bedeutung bei. Deshalb beginne ich meine Ausführungen stets mit den fragwürdig wichtigen Themen und Fragen, im Grunde ein gewollter Selbstbetrug. Gemäß dieser komplizierten Denke ist das Klettern bei mir (nur) an der Oberfläche angesiedelt; es ist kreative Ausdrucksform und intensives Erleben, nicht mehr und nicht weniger. Über die berichtenswerten Begehungen kommt es dabei zur Verbindung mit dem Schreiben. Jetzt bin ich gerade so nicht aus der Kurve geflogen und präsentiere mit dem üblichen Stolz eine Zusammenfassung der neuesten Erstbegehungen im Sektor „Eisenfinger“ an der Golzernmühle. Wie immer gilt: Es sind alles nur Angebote. Wie die Einzelne das klettert, bleibt ihr überlassen. And never forget: God kissed the earth only at this place, as u can see here oder so ähnlich.

Mein neues Hardmove-Wohnzimmer „Golzernmühle“ erquickt mein Herz dieser Tage durch Schneeglöckchen an den ungewöhnlichsten Orten.

Sektor Eisenfinger

Babylon SD 7B/+ – Sitzstart an den beiden Kanten links und rechts der Markierung. Ende am markierten Band auf Höhe des 2ten Hakens. Der rechte Riss ist nur für die Füße erlaubt, wenn nötig, da er außerhalb der Linie liegt.

Babylon Stehstart 6C+ – Der Einstieg in die gleichnamige Route ist für sich genommen schon ein harter Boulder an Seitleisten. Ende am markierten Band auf Höhe des 2ten Hakens. Der rechte Riss ist nur für die Füße erlaubt, wenn nötig, da er außerhalb der Linie liegt.

High Definition 6C – Halbhohe überhängende Wand rechts von „Latte Mattissimus“ (7A). Stehstart an Untergriff und Leiste, siehe Pfeil. Ohne den linken Absatz, den markanten Henkel und die linke Wand bis zum hoch gelegenen markierten Band. Tolle Bewegungen an großen Griffen. Super Absprunggelände.

Philipp mit brachialer Körperspannung während der ersten Wiederholung von „High Definition“, 6C. Derzeit ist dieser Mensch ein einziger motivierter Muskel. (Film: Fabian Metzlaff)

Full HD 7A – Die Verlängerung von „High Definition“ (6C) bis über die Oberkante hinaus, das Ganze an der halbhohen überhängenden Wand rechts von „Latte Mattissimus“ (7A). Stehstart an Untergriff und Leiste, siehe Pfeil. Ohne den linken unteren Absatz, den markanten Henkel darüber und die linke Wand; Ausstieg nach oben. Die Herausforderung durch die Höhe ist in die Bewertung mit eingeflossen. Tolle Bewegungen an großen Griffen, oben wird ‘s nochmal spannend, aber das Absprunggelände ist super, die Flugphasen sind lang und „genussvoll“. Zur Beruhigung: Rechterhand der Ausstiegskante sind Henkel, und der weitere Auf- und Abstieg ist mit geknoteten Seilen versehen.

Der Wald am Ende des Films ist so spooky, dass wir uns bei der Ground up-Erstbegehung von „Full HD“ (7A), einem 6 Meter hohen Highball am rechten Rand des Sektors „Eisenfinger“, für die Wiedergabe im Negativformat entschieden haben. Das ist mal was anderes! Außerdem relativiert sich so die borderlinige Höhe etwas, und vielleicht werde ich dergestalt doch noch in diesem Leben mit einer Wiederholung überrascht. (Film: Johannes Bopp)

Full Court Press (offenes Projekt) – Halbhohe überhängende Wand rechts von „Latte Mattissimus“ (7A). Stehstart rechts von „High Definition“ (6C) an der stumpfen Kante, ohne die rechts angrenzende Wand. Fettes Sloper-Problem im unteren Teil, ab der Mitte kommen abschüssige Leisten.

Liebe C., trotz berechtigter Angst, dass Sie B. für einen flüchtigen Augenblick untreu werden könnten, und sei es nur durch einen abwägenden Vergleich im Geiste, zeige ich Ihnen nun noch Bilder meines guten Freundes Johannes, bei dem körperliche Stärke, Feinheit der Seele und Aussehen eine gelungene Mischung bilden.

Latte Mattissimus“, 7A, sehr abwechslungsreiche, maßgeblich den breiten Rückenmuskel fordernde, für den Grad harte, untere Traverse vom großen Spitzhenkel in 2 Metern Höhe um den “Golz” herum, vorbei am “Bizeps Maximus” bis zur Verschneidung des “Sonnenkönigs” und diesen zum Top. Zu finden ist sie am rechten Rand des Sektors „Eisenfinger“.
Latte Mattissimus“, 7A, sehr abwechslungsreiche, maßgeblich den breiten Rückenmuskel fordernde, für den Grad harte, untere Traverse vom großen Spitzhenkel in 2 Metern Höhe um den “Golz” herum, vorbei am “Bizeps Maximus” bis zur Verschneidung des “Sonnenkönigs” und diesen zum Top. Zu finden ist sie am rechten Rand des Sektors „Eisenfinger“.

Einer der schönsten neuen Boulder an meinem derzeitigen Lieblingsspot, man könnte auch sagen „meinem Seelenort“, Golzernmühle – Erwähnte ich das schon? – ist „A lonesome Cowboy“. Die Jury hat entschieden, dass er wohl doch eher 6C+ als 6C schwer ist. Für Kleine besteht sogar eine gewaltige Tendenz zur 7A. Ach, schrecklich diese Grad- und Morphodiskussionen.

A lonesome Cowboy“, 6C+, ist ein besonders bewegungsästhetischer Boulder. Sie sehen Johannes in einem seiner Versuche, die Schlüsselstelle (mit links zur Leiste, dann Linkshook am Band) anzugehen.

Zwei mögliche Boulder an diesen feinen Sloperstrukturen könnten wie folgt beschrieben werden:

Rantanplan 4C – Die schöne Kante links der “Unendlichen Geschichte” (8-, 6c+) ist vom Sitzstart an mit Schwerpunkt in der rechten Wand bis zur markierten Spitze zu ersteigen. Abstieg über links.

A lonesome Cowboy 6C+ –
Same same but different: Füße und Hände vom Sitzstart an nur in der Wand. Die äußere linke Kante (also auch der Henkel in halber Höhe) und die rechts angrenzende seichte Verschneidung sind tabu.

Eigentlich bin ich ja viel lieber am Seil unterwegs, was ein weiteres Paradoxon, diese DramaQueen betreffend, darstellt. Solcherlei Aktivitäten benötigen jedoch in der Regel mehr Zeit, weshalb sie tränenden Auges rarer gesät sind. Aber siehe, es hat nur zweimal „Miau“ gemacht und schon war die selbstmörderische Katze im Sack.

Kamikatze 7+/8- (6c) – Kurze Boulderroute zwischen dem “Kamikaze”-Boulder und der Route “Venga” (9, 7c) am rechten Rand des Sektors “Ideenfabrik”.

Erstbegehung von „Kamikatze“, 7+/8- (6c). (Film: Philipp Hoffmann)

Änderungen in der Schwierigkeit haben sich in folgenden Bouldern ergeben:

„Ileo sucht Kral” von 6A+ auf 6B/+. “Ideenfabrik SD” ist nach Griffausbruch nun deutlich härter und noch unbegangen.

Das Routenprojekt “Verschneidung” (rechts von “Babylon”) wurde von Gerald nach Griffausbruch frei gegeben. Er ist der Meinung, dass es machbar ist. Außerdem gibt es noch eine neue noch zu einzurichtende Tour, und zwar das “Empire Golz Building” in Verlängerung des “Golz”-Boulders. Seines Zeichens eine harte überhängende Kante; der 1. Haken sitzt schon, Projekt Gerono.

Last but not least habe ich noch ein überhängendes Dokument des Scheiterns für die geneigte Betrachterin. Meine Schwester HaHaHa-Girl hat sich aus der Achselfalte von Hysterica (→ Hysterica Fulminalis in „Hard Stuff in Babylon – DramaQueen versus Hysterica, Drama-Queen.net, Dez 2018) befreit und prompt ins Bouldergetümmel der Golzernmühle gestürzt. Ob der von mir, der ich darüber nur wenig erfreut war, ausgehenden sozialen Kälte waren ihre Finger – Gott sei ‘s gedankt – zunächst tief gefroren, wodurch ihm die Erstbegehung von “The Tower of Love”, 5C+, nicht vergönnt war. Jenen Job übernahm dann „Phil der Bärserker“ (nur Muskeln und Samenstränge) in gewohnt raubtierhafter Manier. Mit meiner humorlosen Schwester versöhnte ich mich erst wieder, nachdem sie sich eine halbe Stunde später beeindruckend stark die erste Wiederholung vom „Vorsprung durch Technik“-Dyno (6C+) holte und sogar hin und wieder über meine Witze lachte.

The Tower of Love 5C+ – Spitz zulaufende Linie zwischen den Routen “Unendliche Geschichte” (8-, 6c+) und “Zeitmaschine” (9-, 7b+). Sitzstart, Ende an markiertem Henkel. (Climber: HaHaHa-Girl, First Ascent: Philipp Hoffmann)
DramaQueen in gefährlicher Mission. HaHaHa-Girl gewohnt humorlos. (Foto: Phil der Bärserker)

BREAK

Wie aus dem Nichts taucht ein schmächtiges Figürchen mit einem gewaltigen Oberlippenbart und pomadig-strähnigem, schwarzem und zu zwei Zöpfen gebundenem Haupthaar auf. Es scheint verwirrt, strampelt, schreit, stampft und verteilt AFD-Aufkleber; aber keinen kümmert ‘s.

Elsterglanz – Rennfahrer (2018).

Hier ist Adelheid. Äch bin wieder da. Was soll das hier? Sie Wahnsinnige! Nein, halt, Sie sind mir hochgradig sympathisch, Genossekameradin DramaQueen! Sie sind ein äxtraordinäres Nazikommunistenschwein mit außergewöhnlichem Propagandatalent. Sie wärden es noch weit bringen.

Nun freuen Sie sich doch über mein Ärscheinen! Erkennen Sie mäch nicht?

Sätzen. Nein, Aufstähen! Ach, machen Sie doch, was Sie wollen! Hauptsache, es scheißt keiner in den Schützengraben.

Und schaffen Sie mir endlich diesen Stauffenberg vom Hals!

Vielleicht machen verwirrte CSU-Wähler bei uns ein Kreuz.“ (Martin Sonneborn. Partei-Chef)
Das erste Mal in der Geschichte der MZ, dass ein Artikel unbedingt zu lesen ist!

Alles nahm seinen Kunderaschen Anfang mit der „Unerträglichen Leichtigkeit des Seins“. Und natürlich mit dem „Scherz“, vergessen Sie nicht diesen großartigen Debütroman! „Der Scherz“, diese bittersüß leichte und doch kritische Auseinandersetzung mit der stalinistisch geprägten Tschechoslowakei in der Zeit bis zum Prager Frühling; alle sinnlichen Elemente seines späteren Schaffens sind schon enthalten. Doch prägender war Erstgenanntes. Sie erinnern sich wahrscheinlich an Lena Olin als Sabina, nicht wahr, Teuerste? Und an Juliette Binoche als Teresa? Alle meine eigenen Intimitäten mussten sich fortan in unerträglich leichter, schwerer, leichter, schwerer, manchmal leichter, oft schwerer Obsession an den Szenen zwischen diesen beiden Frauen und Tomáš (Daniel Day-Lewis) messen. Der Film von 1988 ist ein gelungener Versuch; mehr konnte er nicht sein.

The Unbearable Lightness of Being (1988). Soundtrack: The Holy Virgin of Frydek by Leos Janacek.

Und so setze ich mein Geständnis fort, denn alles wiederholt sich im Leben, ist nur Ausformung des ewig Gleichen. In meiner Vorstellung sind Sie Teresa, liebe C.. Und A. erinnert mich in ihrer sinnlichen Schönheit und Unabhängigkeit, die auch Einsamkeit mit sich bringt, an Sabina.

Ich tue A. und Ihnen, C., damit Unrecht. Sehr. Aber soll alles lediglich ein fantasmatisch-chauvinistisches Übertragungsspiel zu meinem Vergnügen sein? Nein, und nochmals nein! Obsession, Zwang, Natur, was immer Sie wollen! Nur verurteilen Sie mich nicht. Ich bin schon lange nicht mehr Herr über mein Tun. Krank ist dies! Sehr krank; krangk, rangk, rak, ah, r.

A. sagte, dass ihr der Hut nicht stünde. Ich war mit der Attitüde der Leichtigkeit überfordert. Am Ende strebte alles zur absoluten Verschmelzung. Das wird wohl am ehesten der Grund des Bruches gewesen sein. Und dann sterben wir beide in der Abgeschiedenheit und vor der Zeit (Ich bin schon auf dem besten Wege dazu.), aber glücklich. Und A. wird bleiben; ebenfalls in der Hoffnung auf Stetigkeit, mit einem anderen Mann in einem neuen Leben.

Doch muss ich mich auch fragen, welches Spiel Sabina mit Tomáš getrieben hat? Es ist nicht alles chauvinistisch, was bellt. Vor Erregung konnte sie nicht mehr ruhig auf ihrem Stuhl sitzen. So offensichtlich, dass ihre Freundin darauf aufmerksam wurde. Nicht auszumalen, welche biochemische Entsprechung damit einherging!

Diese sinnliche, rätselhaft schöne Frau. Still staunend und in zäher Klaglosigkeit durchwandert sie ihr Leben.

Sowie aus purer Verzweiflung, sie nicht „besitzen“ zu können, als auch aus Unwissenheit rette ich mich in folgende unsterbliche Grundhaltung und teile nicht nur die blauen Augen, sondern auch den Staub an der Kleidung, die schlechten Manieren bei Tische, die langsame Lonesome-Mentalität (frei wie der Wind) sowie – Und das nicht zu knapp! – den knackigen Hintern mit dem müden Joe.

Man nennt mich den müden Joe.“ aus „Die linke und die rechte Hand des Teufels“ mit Terrence Hill (linke) und Bud Spencer (rechte).

Und noch einmal „muss“ ich Sie mit meiner Kletterliebe behelligen, meine zarte C.. (Wäre B. nicht so fest mit Ihnen verbunden, ich getraute mich, Sie an Ihren so formschönen Füßen und Händen zu berühren.) Oft sind in den steilen Wänden Südeuropas die Schwierigkeit und Intensität einer Kletterroute in den Videos nicht erkennbar; oft sind sie sozusagen nur die bewegte Variante der „Arsch von unten“-Fotos. Beim Bouldern bilden sich die spannenden Momente durch Nahaufnahmen auf abnormal schlechte Griffe und die zahllosen vergeblichen Patscher darauf schon immer gut ab. Auch der Wechsel zwischen menschelnden Szenen und Kletteraction gelingt dort besser als in den oft langwierigen, in den Kameraeinstellungen etwas begrenzteren Routenfilmen. Und wie soll man auch leichtere Passagen einer 50-Meter-Linie, die aber zur Einschätzung der Gesamtleistung wichtig sind, darstellen, ohne dass am Ende unaushaltbare Längen entstehen? Nun gut, es geht! Im Folgenden kann man sehen, wie es gemacht wird: Der Film zu Ondras Erstbegehung von „Chaxiraxi“ (9b) in Oliana ist diesbezüglich ein Meisterwerk. Danke, Bernardo Gimenez! Da ist alles drin – vom im Dreck sitzenden labernden Suppenkoch bis zum schreienden Bouldermonster. Unfassbar, wie Ondra nach so vielen harten Moves noch einen und noch einen Boulder wegknallt. AO scheint unsterblich, wie eine perfekte Kampfmaschine aus einem Computerspiel. Mit dem, was er kletternd treibt, scheint er identitär verschmolzen, was sich, obwohl noch so jung, auch in seiner klaren englischen Ausdrucksweise abbildet. Er ist weit entfernt von einem Gefühl der Bedeutungslosigkeit. Schützt ihn die Unwissenheit der Jugend? Wie auch immer; langsam ist er in seinem Tun auf keinen Fall.

Die Hauptwand von Oliana reiht sich übrigens durch die Aufnahmen von Gimenez nunmehr nahtlos in die Reihe von Gründen für meine schlaflosen Nächte ein. Auch hoffe ich, dass das Video noch nicht zu bekannt ist; immerhin ist es satte 8 Jahre alt. Die Junkies werden es bei der heutigen Flut an bewegten Bildern schon wieder vergessen haben. Es hat ja auch nicht jeder so ein singulär hochspezialisiertes Elefantengehirn wie ich. Aber irgendwie merk ich mir nur die Sachen, die keinen monetär verwertbaren Nutzen bringen. Memo an mich selbst: Versuche Dein Schreiben zu vergolden. Ideen dazu sind jederzeit willkommen.

Adam Ondra – Erstbegehung von „Chaxiraxi“ (9b) in Oliana, 2011. Ein Film von Bernardo Gimenez.

Meine Briefe sind wie die Buchse der Pandora. Man will lieber nicht wissen, was drin ist: Viel zu oft ist es ein blutig-kotiger Damenschlüpfer in Übergröße statt des begehrten, von duftenden Rosenblättern umgebenen feucht-fröhlichen Paradeis. Ach, es ist ein einziges Fremdschämen, nicht wahr? Doch anstatt aufzuhören, stelle ich mich sogar auf den Scherbenhaufen und ziehe die Hosen noch weiter herunter: Es gibt nämlich eine Sache, liebe C. – und jetzt erfahren Sie Intimstes, denn nachdem ich Ihnen vorhin abgeschworen habe, ist es eh egal – die Sie von mir wissen sollten, bevor Sie ein Urteil fällen. In meiner Zeit als Penis-Double für Harris Sohn Ford – Sie erinnern sich an die drei Teile des Genre-Klassikers “In Diana Jones”?! – wurde ich von einer Laubfröschin vergewaltigt. Wir liebten uns, aber Sex vor der Ehe kam für mich nicht in Frage, woraufhin sie des Nächtens heimlich in meine Eichel ablaichte. Von diesem Trauma habe ich mich nie wirklich erholt, und so bin ich denn die alte Bart tragende Reimemachfrau geworden, deren Briefe Sie hin und wieder erreichen. Eine echte Prinzessin – und nun ist es für heute ausgesprochen, morgen werde ich wieder das Gegenteil behaupten – war ich nie.

So, itze wissen Sie es, und vieles, sicher nicht alles, erklärt sich Ihnen dadurch vielleicht. Meine ständige Unruhe und Ungeduld zum Beispiel, teure C., so wie ich sie jetzt auch erlebe. Was soll ich nur tun? Vielleicht geh ich mal eben Zigaretten holen. Bin gleich wieder da, versprochen…

Ihre, ach, ich würd Sie so gern einmal duzen, also denn, nur ein einziges Mal,

Deine DramaQueen

PS: Ein Glossar gehört ans Ende, so ist das (leider) nun einmal. Dabei ist MEIN Glossar der beste Klettertext, den ich je geschrieben habe. Er wurde sowohl im mitteldeutschen Boulderführer „Aufschwung Ost“ als auch in leicht abgewandelter Form im thüringischen Pendant „BlocReich“ veröffentlicht (beides Geoquest-Verlag). Ich bin so überzeugt von diesem Text, dass ich frei heraus empfehlen kann, ihn einfach von A bis Z durchzulesen. Danach wissen Sie, meine elbengleiche C., en detaille, was Sie en général aus Zuneigung zu B. schon lange in Ihren Fundus der fürs Leben wichtigen Informationen aufgenommen haben. Die Comics entstammen übrigens der geschickten Feder meines Freundes Enni, wobei die sonst üblichen, Kevin als Wichsvorlage dienenden Altherrenpimmel dieses Mal nicht zu sehen sind. Dennoch viel Spaß beim Lesen und Betrachten!


Glossar – Ein Crashkurs in Sachen mitteldeutsches Bouldern

Absprunggelände, blöder Name für die Fläche unterhalb eines Boulders, auf der man landet, wenn man zu früh losgelassen hat. Im Idealfall sind dort keine Blöcke oder sonstige Hindernisse, dafür genügend Crashpads und Spotter.

Affenfaktor, manchen Leuten sieht man ihre unsportliche Länge an, bei anderen offenbart erst die Bestimmung der Differenz von Armspanne und Körpergröße in Zentimetern die Vorteile beim Klettern. Zwischen T-Rex und Orang Utan ist sicher auch im eigenen Umfeld alles vertreten. Probiert es aus!

Affenfaktor (Gestaltung: Enrico Dudek).

Ägyptern, wer kennt sie nicht die zweidimensionalen ägyptischen Wandgemälde mit den angewinkelten Beinen und Armen? Wer sein Knie dergestalt in starken Überhängen maximal nach innen dreht, bringt den Schwerpunkt seitlich an die Wand und erhöht sowohl die gleichseitige Armreichweite als auch das Risiko eines Innenband- und Meniskusschadens.

Aufstellen, kompromissloses Zuknallen einer Leiste oder eines sonstigen Käntchens im Sinne einer maximalen Kraftbündelung. Die „aufgestellten“ mittleren Fingerglieder üben unter Zuhilfenahme des Daumens vollen Druck auf die Fingerspitzen aus – die absolute Apokalypse für Ringbänder und Kapseln, aber wat mut, dat mut manchmal!

Ausbouldern, gerade in unseren Porphyrbreiten ist die Beta nicht immer gleich klar, so dass man über Versuch und Irrtum heraus bekommen muss, wie ein Boulder zu klettern ist. Dieses bisweilen stundenlange Probieren wirdeuphemistisch auch als Entschlüsseln der Bewegungsmuster, Engrammbildung, meditative Auseinandersetzung mit dem Fels oder spielerischer Lernprozess bezeichnet.

Ausdauer, eine gut trainierte, allgemeine Widerstandsfähigkeit der Muskulatur gegen Ermüdung ist absolut nötig, wenn Boulder oder Traversen mal ein bisschen länger sind. Normalerweise haben so etwas nur die Seilkletterer in ausreichendem Maße; bei „Nur“-Boulderern muss die mangelnde Ausdauer oft als Grund für das Scheitern herhalten.

Berge, das sind die Dinger im Alpenraum mit langem Zustieg, einem Gipfel und Schnee oben drauf. Für Zugezogene: In Mittelerde gibt es so etwas trotz derartiger Benennung (Hohburger Berge, Petersberg usw.) eigentlich nicht, selbst der Begriff Hügel wirkt in Anbetracht kläglicher Einzel-Erhebungen übertrieben. Unsere Felsen wachsen, siehe die vielen Porphyr-Steinbrüche, eher nach unten.

Beta, wie der zweite Buchstabe des griechischen Alphabets zu dem geworden ist, was er heute im Bouldern bedeutet, weiß der Geier! Der personalisierten Zugabfolge respektive Musterlösung eines Boulderproblems liegt vermutlich die Wortbedeutung aus der Softwareentwicklung (Testversion) zu Grunde. Die sagen ja auch: „Ich bastel gerade an einer neuen Beta.“

Betaschlampe, eine solche sollte jeder dabei haben, der in kurzer Zeit viel flashen will. Die gemeinerweise so betitelten, kreativen Kletterfreunde werden zum Ausbouldern der gängigsten Sequenz missbraucht. Bekannte Betaschlampen sind Flipper Fitz (Franken) oder Moritz Böhnki (Leipzig).

Bleau, Abk. für Fontainebleau.Das südlich von Paris gelegene Städtchen mit seinen sanften Wäldern ist das Mekka des weltweiten Boulderns und Ursprung der gleichnamigen Schwierigkeitsskala. Und das zu Recht: Die Blöcke bieten jeden nur denkbaren Kletterstil, der Sandstein ist äußerst fest und das wald- beziehungsweise sandbodige Absprunggelände könnte zumeist nicht besser sein. Kletterqualität seit 1880, wer einmal da war, will immer wieder hin.

Block, diese in der Regel von allen Seiten bekletterbaren, auf Wald und Wiese herum liegenden, nicht besonders hohen Gesteinsformationen verheißen auch Boulderern unverhoffte Gipfelerlebnisse. So antiquiert darf man in diesem Zusammenhang freilich nicht sprechen, aber so ein richtiger Ausstiegsmantle ist doch was Feines und rundet das Gesamtpaket Bouldern ab. Bei uns gibt es im Grunde nur in Schwerz und den Hohburger Bergen richtige Blöcke.

Block (Gestaltung: Enrico Dudek).

Bouldern, was das Wörterbuch sagt: Klettern ohne Seil in Absprunghöhe. Was der Alpinist sagt: Hochleistungsgezappel im Wald von bekifften Mützenträgern ohne bergsteigerischen Spirit. Was der Laie sagt: Ja mei, warum gehens denn nicht einfach außen rum? Was der Boulderer sagt: Bewegungsästhetik par excellence ohne den ganzen technischen Schnickschnack, es gibt auf Erden nichts Besseres!

Buildering, neumodisches, eigentlich selbsterklärendes Wort für das Bouldern an Gebäuden, Mauern, Brückenpfeilern oder Denkmälern. Wer es aktiv im Munde führt, beweist damit zweierlei: Dass er in Mitteldeutschland, wo die Hände häufig auf Zement (z.B. Wüsteneutzsch) oder Fugen (z.B. Zeppelinbrücke) greifen, angekommen ist, und dass er wenig Feingefühl für sprachlichen Wohlklang besitzt. Denn wer, bitteschön, möchte buildern gehen?

Cache, hinter diesem, auch Geo-Cache genannten Ausdruck verbirgt sich ein „geheimes Lager“, das einen wasserdichten Behälter mit einem Logbuch sowie kleineren Tauschgegenständen enthält und mittels GPS-Daten von den „Schnitzeljägern“ gefunden wird. Wir nennen es „Spazieren gehen mit Ziel“ und haben es schon oft in einen Bouldertag eingebaut. Buchautor Tino Kluge hat für seine Cache-Erstbegehung „Feuerrüpel“ an einem 40 Meter hohen Schornstein sogar den die Skala sprengenden Grad T6 ausgeworfen.

Campusboard, senkt Euer Haupt und fallt auf die Knie vor dieser Erfindung des großen Wolfgang Güllich! Wer richtig hart anziehen möchte, kommt am Brett mit den hölzernen Hangelleisten nicht vorbei. Richtig cool ist außerdem, wer auch innerhalb eines Boulders beim fußlosen Weiterheppen vom Campussen spricht.

Chalk, gemeint ist Magnesiumkarbonatpulver im handlichen Beutel zur Grip fördernden Schweißabsorption. Dereine braucht’s mehr, der andere weniger; Kalk schont’s, im Sandstein verschließt’s die Poren; auf jeden Fall sind am Ende die Hände trocken und die Griffe weiß. Die Sachsen sprechen vom „Lügenpulver“ und reiben sich verzweifelt die Finger am Hosenbund, Boulderer nutzen es über Tickmarks zur kreativen Wandgestaltung.

Crashpad, Schwerkraftabsorber und Fußknöchelbewahrer, wenn’s mal richtig „Bauz“ macht. Trägt man so eine Schaumstoff-Matte auf dem Rücken, sieht man aus wie ein fetter Käfer und muss, vor allem in der Stadt, mit Sätzen wie diesem leben: „Wat schleppt der denn für einen komischen Koffer durch die Gegend?“Kultautor Peter Brunnert hat uns derweil mit dem Titel seiner Kurzgeschichte „Fickmatten“ noch eine weitere, sehr praktische Funktion ins Gedächtnis gerufen.

Crux, die sogenannte „Schlüsselstelle“ ist der Punkt des größten Scheiterns innerhalb eines Boulders, sprich, hier wird’s richtig schwer. Extra ausgewiesene Einzelstellen sind bei Beherrschung selbiger die Chance, mit wenig Aufwand zu einem hohen Grad zu kommen. Bisweilen hat aber jeder sein Kreuz an einer anderen Stelle zu tragen.

Deadpoint, der „Totpunkt“ meint nicht etwa die totale Erschöpfung am Ende einer langen Session, obwohl sich das manchmal tatsächlich so anfühlt, nein, die Rede ist vom kurzen Moment der Schwerelosigkeit am Scheitelpunkt einer Bewegung, in dem wir, quasi losgelöst von Raum und Zeit, auf einem energetischen Idealniveau weitergreifen sollten. Wer darüber hinaus auch verbal deadpointed, spricht die Sprache seiner Szene. Vergleich dazu auch die Campusboard-Erklärung.

Deep Water Solo (DWS), auch Psycobloc, wie es die emotionaleren und in allem immer übertreiben müssenden Südeuropäer nennen. Das seilfreie Klettern über tiefem Wasser ist ein riesen Spaß für die heißen Monate, in denen sonst nix geht. Andere fliegen dafür bis nach Thailand oder Mallorca, wir fahren im Sommer raus an die Kautzenbergbrüche zum Highballen über einem riesigen nassen Crashpad, wenn man so will.

Dyno, und Heppa! Das geht scho! Ist ein Griff zu weit entfernt oder reicht die statische Kraft zum Weitergreifen nicht aus, ist ein Dynamo ratsam. Manche erheben es gar zur Philosophie und springen einfach alles an – sieht ja auch so schick aus, wenn die Füße durch den Raum schwingen – andere haben diesbezüglich Hemmungen und blockieren, bis der Arzt kommt.

Elvis, verängstigtes Ausharren auf kleintrittigen Platten hat schon so manche Wade zum Schlackern gebracht. Die berühmte „Nähmaschine“ setzt ein, wenn Psyche und Ausdauer an ihre Grenzen geraten. Man kann das Zittern wegdrücken, das betroffene Bein entlasten, an die Wunderwirkung von Magnesiumtabletten glauben, überhaupt viel trinken und sich vorher richtig erwärmen, oder aber man ignoriert die Sache und kneift einfach mal die Ar***backen zusammen. Mit steigender Erfahrung ist noch aus jedem Elvis ein Stoiker geworden.

Engramm, dieser aus der Sportpsychologie stammende Begriff ist im Zusammenhang mit dem davor gesetzten Scheitern bekannt geworden. Ein Engramm muss man sich als das strukturelle Abbild eines Bewegungsmusters im Kopf vorstellen. Bezogen auf das Scheitern ist da blöderweise etwas falsch abgespeichert worden, Synapsensalat eben, der uns vom Durchstieg abhält. Das kann sich auch darauf beziehen, dass wir gelernt haben zu glauben, dass wir es eh nicht schaffen. Alles klar?

Epikondylitis, dasist nicht ganz so schlimm, wie es klingt, tut aber trotzdem weh und kann uns gegebenenfalls Monate vom Klettern abhalten. Eine Itis (griechischer Suffix für Entzündungen) ist immer schlecht und erscheint in diesem Fall an den beiden äußeren Knochenvorsprüngen des „Ellenbogens“, häufig in Folge einer Überlastung. Und weil es sich immer keiner merken kann, hier noch mal die beiden Subtypen: außen – Tennisellenbogen – Handstreckmuskulatur, innen – Golferellenbogen – Handbeugemuskulatur.

Figure of Four, unbestätigten Quellen zu Folge kam irgendwann in den Achtzigern mal ein zu kurz geratener Franzose nicht an einen weit entfernten Griff heran und legte in seiner Not ein Bein über den Haltearm. Und siehe da, ungeahnte Hebelkräfte und eine Prise Athletik beförderten ihn schnurstracks nach oben.Im Zeitalter der Dynos ist diese Technik beim Bouldern jedoch im Grunde obsolet.

Flash, was den Routenfuzzis ihr Onsight, ist dem Boulderer sein Flash.Etwas bei mehr oder minder bekannter Beta im ersten Versuch durchzusteigen, wo andere unter Umständen gar nicht hochkommen, kann so ein kleines Kletterego über Tage beflügeln. Im Wettkampf bringt es außerdem richtig Punkte. Und was der Alzheimerflash eines schon einmal begangenen Boulders bedeutet, darf sich jetzt jeder selbst überlegen.

Free-Solo.de, die Webseite Deines Vertrauens. Alles übers Bouldern und Deep Water Soloing in Mitteldeutschland, freshe News, hilfreiche Kommentare und vor allem zwei smarte Betreiber, die zum Thema auch ein Buch herausgebracht haben.

Geoquest, expandierenderNischenverlag unter Federführung des bei Hinz und Kunz bekannten Verlegermoguls und Klettergurus Gerald Krug. Er hat sich aus Liebe zur Heimat breit schlagen lassen, das vorliegende Druckwerk auf den Markt zu bringen. Zum Glück verkaufen sich die restlichen Bücher besser, denn so kann Gerald zum „Arbeiten“, wie er es nennt, mehrfach im Jahr die schönsten Kletterziele des Globus ansteuern.

Go, for Gold oder was? Im neudeutschen Kletterjargon kann dieses Wörtchen über die bloße zugerufene Aufforderung, endlich mal Betrieb zu machen und keinesfalls loszulassen, hinaus auch einen Durchstiegsversuch betiteln. Wenn jedoch jemand von den Kletterjunkies behauptet, jetzt wirklich den allerletzten Go zu starten, ist diese Aussage in der Regel keinen Pfifferling wert, und es folgen noch mindestens fünf weitere Versuche.

Grauer, ihn und möglichst viele seiner Artgenossen in der Kletterhalle „No Limit“ zu flashen, ist das erklärte Ziel und gleichzeitig der Ritterschlag der Leipziger Plastikjünger. Dereinst war es Lutz Schneider vom „Ostbloc“, der in Anlehnung an die Fontainebleau’schen Parcoure ein Farbsystem für den Boulderbereich entwickelte und Grau an die Spitze der Schwierigkeitsskala setzte. Den Satz „Haste den Grauen schon gemacht?“ sollte man als Neuling, der sich anbiedern will, unbedingt drauf haben.

Grip, im Winter ist die Griffigkeit drinnen wie draußen gut, im Sommer eher schlecht, da sie maßgeblich vom Schweißgehalt der Finger sowie der Oberflächentemperatur des Gesteins abhängt. Um bei schlechten Bedingungen richtig fiese Sloper halten zu können, muss man mit diversen Bürsten und Chalk mächtig in die Trickkiste greifen. Oder man weicht halt auf Boulder mit hinterschnittenen Leisten aus.

Grounder, aua, einen Sturz auf den Boden (der Tatsachen) wünscht man auch seinem ärgsten Feind lediglich im übertragenen Sinne. Eigentlich ist das ein Ausdruck aus dem Routenklettern, wo vor dem Klippen des mindestens dritten Hakens häufig noch Erdungsgefahr besteht. Des Weiteren gilt wie überhaupt im Leben: Je höher das Ross, desto tiefer der Fall.

Ground Up, astreiner Stil, sich einen hohen Boulder zu erschließen. Anstatt ein Seil über die Wand zu hängen, die Linie auszuchecken, alle Griffe zu markieren und so weiter, wird sich hierbei wie Phönix aus der Asche nach einem Sturz immer wieder vom Boden her nach oben gearbeitet. Daumen hoch für Ground Up – Begehungen!

Halle, die heimliche Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts ist das Epizentrum der Free-Solo-Boulder-Welt. Hier nahm alles seinen Anfang, hier wird alles enden oder so ähnlich. Manche Leipziger bezeichnen unsere schöne Saalestadt bösartigerweise als ihre Vorhölle. So ist das mit großen und kleinen Städten, da wird man schnell durchgereicht. Nicht wahr, Merseburg?

Hallenhahn, betritt er sein Reich, dann weiß man: Jetzt gibt’s was zu Gucken! Daunenjacke aus und dann mit Beanie auf freiem Grund sowie Turnschuhen durch die Grauen getänzelt. Mit ein bisschen Glück wird er sich vielleicht auch irgendwann zu Dir herab lassen und in aller Bescheidenheit Sätze wie „Ist mir ziemlich leicht gefallen“ oder „Da muss man einfach mal klettern“ über dein Langzeitprojekt sagen. Sehr gern coacht er auch attraktive Anfängerinnen. In seiner sympathischsten Ausprägungsform heißt so ein Hahn Enrico Dudek.

Hallenhahn (Gestaltung: Enrico Dudek).

Hallux Valgus, alle kletternden Spreizfüßler mal bitte Schuhe aus und auf die großen Zehen geschaut. Wenn die jetzt verdächtig stark nach außen wegkippen und überdies im Grundgelenk geschwollen sind, kann ein „Beulenfuß“ vorliegen. Die gute Nachricht: Das kann abgesehen von der Kosmetik harmlos sein; ist jedoch der Gelenkknorpel futsch und reibt Knochen auf Knochen (ausgeprägte Arthrose) wird ’s kriminell, da schmerzhaft. Eine Op ist dann die Therapie der Wahl. Vorbeugend empfiehlt Dr. Gerono, mit dem Klettern aufzuhören, nee Quatsch, man sollte einfach, wann immer es geht,barfuß laufen und enges Schuhwerk meiden.

Hangel, schön, wenn so etwas auch mal in einem Boulder vorkommt. Denn eine Hangel setzt, wie der Name schon sagt, gute Griffe zum An- oder Abhangeln voraus. Im allgemeinen Bouldersinne ist die fußlose Affentechnik gemeint, im speziell alpinistischen wird Hangeln auch äquivalent zum Piazen, dem Gegenstemmen des Körpers von einem Riss oder einer Kante weg, gebraucht. Im Übrigen nach Tito Piaz, dem „Teufel der Dolomiten“.

Hausmeister, hier gibt es zwei Deutungsebenen: Zum Einen der immer anzutreffende Bürsten und Bohrmaschine schwingende Local, der sich (zum Glück) berufen fühlt, sein wohnortnahes Felsrefugium instand zu halten und weiter zu erschließen. Zum Anderen der stille Kritiker und Kontrolleur, dem man, da er ja schon alle Wege plus sämtlicher Varianten gemacht hat, selten am Fels, dafür umso öfter auf den einschlägigen Websites begegnet. Berühmte Hausmeister der Region sind Gerald Krug (Aktienbruch) und René Riedel (Hohburger Berge).

Henkel, die Mutter aller Griffe, die Abschluss-Offenbarung nach vorherigem Minileistengeprügel, geliebt und gleichsam von den Pros milde belächelt spendet der Hautaufroller Nummer 1 Licht inmitten eines Hardcore-Tunnels. Die Assoziation mit der gleichnamigen Bierkrughalterung ist gut und formsprachlich richtig. Ihr wisst doch: Klettern, Kaffee und Bier gehören untrennbar zusammen.

Highball, „Tot oder Krankenhaus“ schrieb der Kinderbuchautor und -zeichner Janosch einst von Teneriffa aus. Diese mittlerweile fast geflügelte Wendung lässt sich auch auf Boulder übertragen, die im Grunde ein Stück zu hoch sind, als dass die Matte darunter wirklich Sinn machen würde. Wir handhaben den Begriff in Mitteldeutschland etwas inflationärer: Nicht überall, wo Highball drauf steht, ist wirkliche Gefahr drin. Aber „balls“ braucht’s dann meist trotzdem.

Hook, „Da musst Du einfach einen Fußhakler machen“, übersetzte Tim, der Engländer, einst direkt und in bester Absicht, das Grinsen der Umstehenden verstand er erst hinterher. Mit den Zehen (Toe-) beziehungsweise der Ferse (Heel-) gehakelt, wird heutzutage im Zeitalter des dreidimensionalen Boulderns überall, auch wenn’s mal keinen Sinn macht. Und noch ein schönes Zitat eines Mitfünzigers: „Ich soll da hooken? Bis vor kurzem wusste ich nicht mal, was das ist!“

Indoor, diesseits der Tür ist es doch am schönsten, nicht wahr? Da ist es warm, die bunten Griffe weisen den Weg und man wird bärenstark an ihnen. Weh tun sie in ihren ergonomischen Formen in der Regel auch nicht. Aber ach, letzten Endes ist die Vorliebe für das Jen- bzw. diesseits der Tür ganz vom eigenen Standpunkt sowie dem der Peergroup abhängig.

Klettern, diese Begrifflichkeitwird unter Boulderern häufig mit dem verfehmten Seilklettern gleichgesetzt, vor allem am Tresen der Leipziger Kletterhalle „No Limit“ („Bouldern oder Klettern?“) hält man es scheinbar für einen Anachronismus, also nochmal zum Mitschreiben: Klettern ist eine Fortbewegungsart und das fuc**** Dachgebilde für alles, vom Alpinismus bis zum Einzugproblem.

Körperschwerpunkt, jetzt wird’s kompliziert, aber logisch: Der KSP ist der gedachte Punkt, in dem sich die Hauptmasse des frei beweglichen Körperanteils konzentriert. Bei den meisten Männern verlagert er sich alkohol- und wohlstandsbedingt im Laufe der Jahre etwas nach vorn. Tipp für die Kletterpraxis: Arsch an die Wand und das Gewicht möglichst auf die Füße sowie unter das Lot der Griffe.

Kraftausdauer, stellt Euch vor, ein Boulder ist anhaltend schwer und ziemlich lang, und, ups, auf einmal schummelt sich auch ein Seil ins Bild, schon seid ihr in einer klettertypischen Belastungssituation, die den Muskeln eine hohe Standhaftigkeit gegen Übersäuerung abverlangt. Nach Udo Neumann wächst übrigens mit steigender Maximalkraft automatisch auch die Kraftausdauer, was die gelegentlichen Spitzenleistungen von Vollzeitboulderern am Seil erklärt. Amen.

Kreuzzug, gerade die lang Gewachsenen unter uns heppen manchmal beherzt mit der gleichen Hand weiter zum nächsten Griff. Wo er doch so verlockend groß erscheint! Und dann? Sackgasse. Kein Matchen – Na, wer kennt den Begriff?- möglich. Ein kurzer, vorheriger Blick in den Verlauf des Boulders hätte genügt, um zu begreifen, dass man besser mit der anderen Hand über/unter dem Haltearm gekreuzt hätte. Den fulminantesten Zug dieser Art vollführte zuletzt Kreuzritter Tino Kluge in Black Hawk Down Fb trav 7C+ (Aktienbruch).

Liegefaktor, manch einer prügelt im Dach auf Grund seiner martialischen Körperkraft alles nieder, rutscht dann aber von der leicht geneigten, kleingriffigen Ausstiegsplatte. Alles schon erlebt! Gerade beim Bouldern ist es entscheidend, ob einem das Problem „liegt“ oder nicht. Dies sollte berücksichtigt werden, bevor die Rufe nach Ab- oder Aufwertung laut werden.

Leipzig, hier gibt es nur die klischeehafte, hallesche Sicht, aber ein bisschen Publikumsbeschimpfung kommt ja immer gut, deshalb: neureiche, mittelgroße Sachsenstadt, die sich in allem für den Nabel der Welt hält und noch immer (zu) viel auf ihren „Heldenstatus“ von anno 1989 einbildet. Auf ihre Builderingmöglichkeiten musste man die ansässigen Kletterer mit der Nase stoßen. Einkaufen, Studieren und Party machen gehen dort aber ganz gut, die Sächsinnen gelten als besonders hübsch.

Löbejün, hinter diesemZungenbrecher, der vor allem bei ausländischen Kletterfreunden immer wieder lustige Ausspracheprobleme erzeugt, verbirgt sich eine kleine Stadt unmittelbar nördlich von Halle, der man ihren porphyrischen Reichtum schon im Straßenbild ansieht. Und, das ist das Wichtigste, an ihrem südlichen Rand bei den Gartensparten thront mit dem Aktienbruch der Mercedes unter unseren Steinbrüchen.

Magdeburg, nördlich des Kletteräquators gelegenes Niemandsland mit überraschend zivilisierten Ureinwohnern von angenehmem Gemüt. Zum Kühlen der vom Klettern geschundenen Hände wird dort mit Vorliebe Bier benutzt. Der alljährliche Magdeburger Bouldercup ist ein archaisches Kräftemessen, zu dem auch weit entfernte Stämme ihre Krieger aussenden.

Mantle, das in der Regel mit zwei Armen und einem Fuß vollführte „Hochstützen“ oder „Hochziehen“ auf einen Absatz wird bei Wikipedia mit der schwungvollen Ausstiegs-Bewegung eines Schwimmers am Beckenrand verglichen. Theoretisch ist das richtig, in der Kletter-Praxis sind jedoch viel häufiger verzweifelte, sich mit Bauch und Knien über die Kante wälzende Robben anzutreffen.

Matchen, folgt man dem ABC of Rockclimbing, bekommt man folgende Erklärung: „This refers to the act of placing both hands to the same handhold.“ In der mit „-en“ eingedeutschten Variante ist also das Doppeln eines Griffes meist in Absicht eines Handwechsels gemeint. Das ist doch sprachlich wunderschön! Abgesehen davon ist der Begriff in unseren Breiten absolut ungebräuchlich. Aber man wird doch wohl malein bisschenVerwirrung stiften dürfen.

Maximalkraft, eine Grundformel der Mechanik lautet: Kraft ist Masse mal Beschleunigung. Ordentlich Wumms zum Anreißen bekommt man also über einen gesunden Muskelquerschnitt (z.B. Wolfgang Güllich) bei gleichzeitiger Fähigkeit, diesen auch schnell und kontrolliert in Gang zu bekommen (z.B. Chris Sharma). Ab einem gewissen Massegrad sinkt die Beschleunigung jedoch gewaltig, deshalb zählt beim Klettern vor allem die intra- bzw. intermuskuläre Koordination, die ein effektives Zusammenspiel von Muskelfasern bzw. -gruppen ermöglicht. Die prominenten Leichtgewichte Adam Ondra und Dave Graham haben sehr viel davon.

Minileiste, die Erklärung steckt ja schon im Namen, und irgendwie ist auch sofort klar, dass solche Lineale beizeiten weh tun können oder nur als Zwischengriff funktionieren. Unser Porphyr ist voll von solchen „Klingen“, und es gibt einen, der sie alle festhalten kann: Der Hallenser Frank Jaenecke. Wer es ihm gleich tun möchte, probiere zum Beispiel den Boulder Feuerwasser Fb 6C am Löbejüner Löschteich.

Merseburg, nächstkleinere Vorhölle von Halle. Außer Tino Kluge und Peter Dittert gibt es dort nach derzeitigem Stand der Wissenschaft nur vereinzelte Wilde. Im nahe gelegenen Wüsteneutzsch, der Name ist Programm, soll man jedoch ganz gut bouldern können.

Mono, sächsisch „Moohnooohh“, ist ein Löchlein, in das wir genau einen Finger versenken können. Die Orthopäden schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, Kenner wissen: Man schont dadurch die restlichen neun!

Morpho, wieder ein Wort aus der Bleau’schen Bouldersprache. Ist ein Problem im Führer so charakterisiert, dürfen kleinere Mitmenschen getrost ein bis zwei Schwierigkeitsgrade mehr veranschlagen. Diesen fast diskriminierenden Ausdruck kann man nämlich auf den menschlichen Mangel an im speziellen Fall geforderter „Form“ bzw. „Struktur“ beziehen. Sprich, vor allem für bestimmte Dynos braucht ‘s manchmal einfach eine gewisse Länge. Mehr zum Thema unter Zwergentod und Affenfaktor.

Offene Tür, die berühmte, zumeist vorhersehbare, manchmal nicht zu vermeidende. Schon vor dem „Aufgehen“ fühlt es sich in seiner Instabilität so richtig sch**** an, und man weiß, dass das Lösen einer Hand zwangsläufig zum einseitigen Rauskippen führen wird. Schuld sind meist der schlechte Grip und die Schuhe, vielleicht aber auch eine zu frontale Klettertechnik respektive zu wenig Körperspannung.

Onsight, das Durchsteigen einer Route im ersten Versuch auf pure (An)Sicht von unten her und ohne etwaige Detail-Informationen – Was ist mit den Kommentaren im Kletterführer? – ist der edelste aller Begehungstile beim Seilklettern. Beim Bouldern, wo man viele Griffe schon vorher anfassen kann und alle Leute durcheinander wurschteln, gibt ’s im Grunde nur Flashs. Wie auch immer man sich das Vokabular zusammen bastelt, der erste Versuch zählt.

Pacing, das Tempo an großen Griffen etwas raus zu nehmen und in den Prügelpassagen zu verschärfen, ist hauptsächlich beim Routenklettern wichtig, aber auch bei längeren Straight ups und Traversen kann im Kampf um den Durchstieg die richtige Tempogebung das entscheidende My (sprich „mü“) ausmachen. Prinzipiell gilt: Geschwindigkeit ist keine Hexerei UND Es haben sich auch schon mal Leute tot geschüttelt!

Porphyr, das ist das rot- beziehungsweise gelbbraune Zeug vulkanischen Ursprungs, an dem wir in Mittelerde größtenteils herum kraxeln. Im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich dieser Begriff für die Ryolithe, so die eigentlich Gesteinsbezeichnung, eingebürgert. Auswärtigen könnt ihr sagen, dass das so eine Art Granit ist, nur schneller und weiter oben abgekühlt und deshalb nicht ganz so hart. Das klingt edel und verschleiert die häufige anzutreffende Brüchigkeit.

Problem, es liegt in der Natur der Sache, dass sich Boulderer Probleme schaffen, wo keine sind. Da hinten sei eine Treppe, ist ja wohl der häufigste, dümmste und gleichwohl richtigste beim Buildering zu hörende Spruch. Der Mikrokosmos Klettern ist mittlerweile so ausdifferenziert, dass es bisweilen nicht mehr nur darum geht, einen Berg, eine Wand oder einen Block irgendwie zu erklimmen, nein, mitunter gilt es, definierte Probleme entlang bestimmter, manchmal nur einen Quadratmeter großer Strukturen zu lösen. Selbst schuld.

Psyche, der stärkste Muskel beim Klettern sei das Gehirn, um mal wieder den viel Zitierten und nie Erreichten mit einem Zitat zu ehren. Der fränkische Großmeister wusste um die Vorzüge einer starken Psyche, die für eine gute Moral bei Highballs und die nötige Ruhe und Konzentration im alles entscheidenden Go sorgt. Aber bei solchen Oberarmen, wie Güllich sie hatte, klingt so ein Satz fast ein bisschen jovial.

Psycobloc, el, ist das spanische Äquivalent zum Deep Water Soloing. Ade, schnöde Nüchternheit, bei diesem Ausdruck gerät das Blut schon vor dem seilfreien Einstieg in die aus dem Wasser ragenden Felsen in Wallung. Und wer sich schon mal in „Grüße aus Kroatien“, 7a (Kautzenberg), nach absolvierter Crux durch die Ausstiegspassage in 13 Metern Höhe gefürchtet hat, wird diese Wortgewalt als durchaus treffend empfinden.

Session, abends in der Halle oder an einem der raren Fulltime-Klettertage am Fels: Nichts geht über eine gute „Bouldersitzung“ mit Freunden. Ist das gemeinsam auserkorene Problem sehr schwer, wird bisweilen wirklich mehr gesessen als alles andere, ein Vorwurf, den sich einst schon die Snowboarder von den Skifahrern gefallen lassen mussten. Aber – dieses Argument zieht in Zeiten der bewussten Abgrenzung immer – so betriebenes gemeinschaftliches Bouldern ist einfach kommunikativer als einsames Sichern und Vorsteigen.

Sitzstart, SD = Sit down,die Grunddefinition lautet: DerPo ist das Letzte, was den Boden verlässt. Manche Boulder werden sogar erst durch die Verlängerung nach unten richtig schwer. Bei den Großen unter uns kann da schon mal Frust aufkommen, wenn sie den lieben langen Tag am Boden herum hoppeln und verzweifelt alle möglichen Startpositionen durchprobieren. Eigentlich wollte man ja klettern. Richtig lustig wird ’s, wenn jemand mit dem Spaten nachhilft; bestimmte Linien würden ohne diesen Enthusiasmus gar nicht existieren. Nicht wahr, Herr Krug? (Siehe Faustkampf Fb 6b, Talstraße)

Sloper, altdeutsch Patscher, im Grunde ein flächiger Griff, der keiner ist und sich (in Abstufungen) nur mit mächtig viel Anpressdruck aus Rücken und Oberkörper halten lässt. Nichtsdestotrotz sind Sloper im modernen Bouldern äußerst beliebt. In testosterongeschwängerten Runden liegt das womöglich auch an der taktilen Assoziationskette. However, eloquente Spötter wie Kletterautor Peter Brunnert amüsieren sich zwar sprachlich zu Recht über die jargonhaft „geilen Slopereien“, aber wer die Dinger nicht halten kann, ist halt zu intellektueller Distanz verdammt.

Spot, der Ort, an dem ‘s bouldertechnisch zur Sache geht. Mitteldeutschlands ehemaliger Secret und nunmehr Hot Spot ist der Beuchaer Kirchbruch. Schnell erreichbar, vielfältig in seinen Anforderungen und überhängend, dazu Boulder in allen Graden und perfektes Absprunggelände – Boulderherz, was willst Du mehr? (Antwort: Richtige Mantle!)

Spotten, manchmal spottet das Spotten wirklich jeglichem Vergleich. Vor allem, wenn der, der unten steht, den, der oben an den Griffen hängt, nicht wirklich vor einem Aufprall auf dem Rücken oder Ähnlichem bewahren kann, weil er sich a) hinter der Kamera befindet oder b) die Hände in den Taschen hat. Weitere Versäumnisvarianten sind denkbar. Und auch hier ein Praxistipp: Legt beim Hände hoch halten die Daumen an! Da freuen sich die Kapseln der Daumengrundgelenke.

Straight up, manchmal geht es ja darum, definiert nach zum Beispiel links oben auszusteigen oder entlang einer bestimmten Struktur zu traversieren. Im Gegensatz zu solchen Spielereien sind Straight ups noch echter Rock ‘n Roll: Man hat ein kompromissloses Stück Fels und muss da irgendwie, mehr oder weniger gerade hoch.

Tape, an dieser Stelle seien ein paar der multiplen Anwendungsformen selbstklebender Stützstreifen genannt: Ringbandverletzungen (Finger), beginnende Sehnenscheidenentzündung (Handgelenk), durchgekletterte Haut (Fingerkuppen), angebrochene Halterungen (Boulderbürsten), aufmüpfige Mitmenschen (Banküberfall) und und und… Nicht sonderlich gefühlsecht, aber ansonsten super das Zeug, allein Gaffa ist noch vielseitiger.

Tape (Gestaltung: Enrico Dudek).

Tickmark, früher, als noch ehrlich geonsightet und im Op geraucht wurde, musste man sich alle Griffe merken, heute weisen kleine Chalkstriche geradezu inflationär den Weg. Das entspricht dem googleisierten Zeitgeist, muss aber nicht zwangsläufig zur von diversen Hirnforschern heraufbeschwörten Verblödung führen. Die Dosis macht das Gift, nicht wahr?

Traverse, ob als Training fürs Routenklettern oder eigenständige Boulderdisziplin, gequert – so die Alten – wurde am Fuße von Blöcken und Massiven schon immer. Die Vorteile liegen aber auch auf der Hand: Fernab beunruhigender Höhe kann man ohne Crashpad sowie alleine schwere Züge einstudieren oder im Sinne der Kraftausdauer Strecke machen. Mittelerdes diesbezügliches Mekka ist ganz klar die Plakette am halleschen Galgenberg.

Zwergentod, als ich diesen Begriff das erste Mal im „Rotgelben Felsenland“ las, hatte ich nur eine Ahnung davon, wie es sich anfühlt, nicht an eine weit entfernte Leiste heranzukommen. „Burn Baby Burn Fb trav“, 7b (Löschteich), dachte ich später in einer solchen Situation und machte mich als Langer einfach mal lang. Mitunter sind die Züge im babypoglatten Porphyr eben morpho. Arme Zwerge!

Zwergentod (Gestaltung: Enrico Dudek).

Ein Gedanke zu „Die Buchse der Pandora“

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